Der unfertige Roman

Schreiben – Lesen – Reflektieren

Bild: something meat © by mornalll | Lizenz: CC-BY 2.0

Text veröffentlicht: 24.11.2016

Leitworte: Verlage | VG Wort

Anständige Autoren gegen maßlose Verlage

AutorInnen wollen nur eins: Schreiben! Nun gut, nicht ganz, sie wollen auch gelesen werden. Dem steht allerdings eine handfeste Hürde im Wege: Vervielfältigung. Kaum verwunderlich ist daher, dass Jemand erkannte, wie sich diese unliebsamen Aufgaben in klingende Münzen umwandeln ließe.

Warum die ersten Autoren die niedrige Beteiligung für ihr Schaffen akzeptierten, lag wahrscheinlich an einem Trick, der auch Heute noch als Speerspitze ins Feld geführt wird: Vorschusszahlungen. Damit wird den Autoren ein schlechtes Gewissen impliziert, "Ich gebe dir vorweg, obwohl ich nicht weiß, ob ich es zurück bekomme". Aus psychologischer Sicht ein Totschlag-Argument, welches noch immer funktioniert.

Seitdem dieses "Internet" aufgetaucht ist, sind die Verlage am Rudern. Die vormals mühselige Vervielfältigung kann der Autor mit wenigen Klicks von zu Hause selbst erledigen. Auch die Promotion ist gemütlich vom Sofa zu bewerkstelligen. Warum sich also zum Honk machen und den Verlagen niederwertig in den Arsch kriechen? Warum um 4-5 % Tantiemen betteln, wenn 70 % ohne Füße lecken drin sind?

Qualität! Der neue Schlachtruf der Verlagsbranche. Was sich glorreich anhört, belegt nur deren Verständnis davon, einen Gottähnlichen Status einzunehmen. Wir entscheiden, was auf den Markt kommt und dann ist das natürlich Qualität! Deswegen werden wohl auch am laufenden Band sogenannte Imprints gegründet. Ausgewiesen als spezialisierte Sparten Verlage. In Wahrheit dazu da, um das Verlagswesen weiter zu verwässern. Hauptsächlich aber, um mit möglichen "Schund" nicht das Haupthaus zu beschädigen.

Seit 2012 waren Verlage gewarnt, dass bei der Verteilung der Gelder Änderungen zu ihren Lasten eintreffen könnten. Ihrem Selbstverständnis entsprechend wurde diese Möglichkeit ausgeschlossen. Weshalb deren Geschrei jetzt umso größer ist, wo der nicht ernsthaft angenommene Fall Realität geworden ist. Mutwillig ins offene Messer gelaufen - selber Schuld! Doch natürlich sollen andere dafür büßen. Die bösen AutorInnen zum Beispiel, die vermeintlich nicht verstehen, welche aufopferungsvolle Tätigkeiten die Verlage für sie erbringen. Die sich als Undankbar erweisen, obwohl doch die Verlage für ihre Bekanntheit gesorgt haben.

Also gut, fangen wir von Vorne an - auch wenn es bei deren Begriffsstutzigkeit wahrscheinlich vergebliche Mühen sind.

Niemand denkt sich Geschichten aus und wenn doch, sollen diese keinem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. Als Resultat gäbe es keine Verlage. Deswegen werden diese kreativen Köpfe, die sich unbedingt mitteilen wollen, auch Urheber genannt. Sie sind die Ursache, der Ursprung – die Quelle, die Basis.

Stellen wir uns vor, jeder würde in den eigenen vier Wänden sämtliche Reparaturen, Renovierungen und Installationen konsequent selber durchführen. Alle Handwerksbetriebe hätten ihre Daseinsberechtigung verloren.

Obwohl Verlage ebenfalls nur eine (handwerkliche) Dienstleistung anbieten, existiert ein gewaltiger Unterschied. Der Handwerker erfüllt einen Bedarf, stellt seine Rechnung, wird bezahlt und der Vorgang ist abgeschlossen. Erhebt er Nutzungsgebühren für die nächsten Jahre? Was für ein grotesker Gedanke! Nur Verlage gründen ihr Geschäftsgebaren auf diesen Irrsinn. Einmal eine Dienstleistung erbringen und (nahezu) ein Leben lang dafür kassieren.

Es ist müßig darüber zu philosophieren, ob die ersten Verlagsautoren Fehler begangen haben. Damals herrschten andere Verhältnisse. Vielleicht haben sie sich nicht so billig abspeisen lassen müssen, wie sich das im Laufe der Jahrzehnte entwickelte. Geschickt haben Verlage ihre Position ausgebaut und für die Akzeptanz einer verkehrten Welt gesorgt. Sie haben sich zum Mittelpunkt des Literaturgeschehens erhoben und halten sich für unverzichtbar. Diese Haltung zeugt nicht nur von Borniertheit und Ignoranz, sondern hauptsächlich von Respektlosigkeit den Urhebern gegenüber.

Während die Verlage sich ein Sprachrohr, den Börsenverein, zulegten, der lautstark und vehement die Vormachtstellung ausbaut und verteidigt, organisieren sich AutorInnen zwar auch, doch dienen diese Vereinigungen in erster Linie dem Austausch untereinander. Die Kämpfe in der realen Welt waren nie ihr Ding und sind es bis Heute nicht. Dass sich nun Einer erhob und für sie einen herausragenden Sieg errungen hat, wird stillschweigend anerkannt. Den Alarm um die verlorene Macht schlagen die, die sich lieber bedeckt halten sollten.

Doch stattdessen spult die Branche das gesamte Programm an Schreckensszenarien ab, um jede Tränendrüse zu erwischen. Geschickt lenken sie damit von den Tatsachen ab. Apropos Tatsachen, jegliche Transparenz wird geflissentlich unter den Teppich gekehrt. Bei 9 Milliarden Euro Umsatz 2016 sollen alle Verlage für den Zeitraum 2012 bis 2015 zusammen 100 Millionen Euro an die VG Wort zurückzahlen. Demnach 25 Millionen Euro pro Jahr von 9 Milliarden, verteilt auf über 700 Verlage.

0,28 % !

Tränenüberströmt und mit Dackelblick hat der Börsenverein umgehend bei Kulturstaatsministerin Monika Grüters an die Tür geklopft und stieß erwartungsgemäß auf ein weiches Herz. Ein Hilfsfonds soll installiert werden, weil bis zu 25 % der Verlage von einer möglichen Schließung bedroht seien. Oje, was für ein Schlag, die Kultur in Deutschland ist ernsthaft bedroht!

Liebe Leute, hier läuft einiges völlig aus dem Ruder. Wieder soll der Steuerzahler einspringen, weil überhebliche Geschäftemacher nur ihre eigene Gier im Sinn haben. Ganz zu schweigen davon, dass sie nicht nur vorgewarnt waren, sondern die Zeichen auch gegen sie standen. Vorsätzlich wurde sich am Verdienst der AutorInnen zur eigenen Bereicherung vergriffen und denen dann auch noch die Schuld in die Schuhe geschoben, weil es "ja nur in ihrem Interesse investiert wurde". AutorInnen werden verhöhnt und degradiert sie zu unbedeutenden Randerscheinungen. Eine Last, die man Wohl oder Übel mit durchfüttern muss. Geht’s noch!

Wirklich schlimm wird die Posse dadurch, dass die Menschlichkeit mit Füßen getreten wird – von denen, denen Kultur vorgeblich heilig ist. Selbstherrlich stilisiert sich die Verlagsbranche zum alleinigen Gott unverzichtbaren Gut. Klar, seitdem ihnen das Internet zeigt, wie unnötig sie sind, ziehen sie alle Register, um an der Oberfläche zu schwimmen. Rücksichtslos drücken sie AutorInnen unter Wasser, um auf deren Rücken an Luft zu kommen. Was für egozentrische Arschgeigen! Sorry, das musste raus.

Wegen läppischen 0,28 % drehen die Verlage am großen Rad. Andererseits bedeutet es, dass sie den AutorInnen nicht mal die Butter aufs Brot gönnen!

Verlagsarbeit ist ebenso kalkulierbar wie Handwerksarbeit. Eine Reform ist bitter nötig.

Lasst über die Klinge springen, wer nicht endlich anfängt AutorInnen respektvoll zu behandeln und anerkennt, dass eben diese der Ursprung für die eigene Existenz sind!


Um Transparenz und eine sachliche Diskussion bemüht sich Wolfgang Michal: #FakeNews jetzt auch im Feuilleton?

Veruntreuung mit staatlicher Unterstützung. Ein Interview mit Dr. Martin Vogel: Der VG-Wort-Skandal in der Autorenwelt (sehr lang, aber lohnenswert)


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