Der unfertige Roman

Schreiben – Lesen – Reflektieren

Bild: Seelenschmerz © bei KALHH | Lizenz: CC0

Text veröffentlicht: 03.11.2017

Leitwort: Antrieb

Erschafft Schmerz immer Großes?

Gerade aus der Ecke der zumeist als sensible Persönlichkeiten charakterisierten Kreativen wird immer wieder berichtet, dieses oder jenes Werk ist in einer Phase großen Schmerzes entstanden. Vertreten sind alle Gattungen: Musiker, Künstler und Schriftsteller. Gemeinhin werden seelische Qualen als Ursache verantwortlich gemacht. Aber warum oder können die was dafür?

Verläuft das Leben in geraden Bahnen, gibt dies Sicherheit, bedeutet aber auch Eintönigkeit. Im Rahmen seiner Interessen sorgt jeder für Höhepunkte, Abwechslung oder die extra Portion Nervenkitzel. Diese Ausflüge sind indes gesteuert und weitestgehend kontrolliert. Besonderheiten, die dennoch Alltag sind.

Unter allen Umständen wird versucht zwei Gefühlswelten fern zu halten: Angst und Schmerz! Beides zermürbt; beides entzieht sich der Einflussnahme. Die Ungewissheit der Angst hat den Wahnsinn im Schlepptau und Schmerz körperliche Qualen. Wehr- und Hilflos macht Haltlos. Bisherige Strukturen werden gesprengt.

Schmerz lässt Emotionen zu einem reißenden Fluss anschwellen, die ihre Kräfte ungezügelt austoben. Wie in der Natur wird der Grund aufgewühlt und wirbelt die bisherige Ordnung durcheinander. Die Fluten überwinden ihre begrenzenden Ufer.

Grundsätzlich unterscheiden sich seelische Qualen vom rein körperlichen Schmerz, können diesen aber nach sich ziehen. Eine dauerhaft geistige Penetration kann die stoffliche Umgebung negativ beeinflussen. Nicht nur die eigene, sondern auch die in der greifbaren Nähe. Die Überflutung der Reize schmälert das Empfinden von Grenzen. Unbeteiligte laufen Gefahr in Mitleidenschaft gezogen zu werden.

Befinden sich Kreative nun permanent in einem Zustand zügellosen Schmerzes und seelischer Qualen? In gewisser Weise schon. Es brodelt ein Vulkan in ihnen, dessen Quelle unergründlich ist, aber unaufhaltsam ihren Auswurf an die Oberfläche schiebt. Verschließt sich der Betroffene diesem Andrang, verglüht es ihn innerlich. Kreative sind daher einem Zwang ausgeliefert diesen Kräften ein Ventil zu öffnen. Das geschieht nahezu automatisch, ohne Nachdenken. Der Druck sucht sich seinen Weg, sonst droht die Explosion. Manches mal erweist sich dieser als zu mächtig und nicht beherrschbar. Das Leben derjenigen gleicht einer höllischen Achterbahn, die sie mit zu hoher Geschwindigkeit befahren und es sie vorzeitig von den Gleisen schmeißt.

Und wo verbirgt sich die Großartigkeit? Die Antwort wird enttäuschen: Nicht in ihnen. Getrieben von der inneren Unruhe ist nicht Gefallen das Ziel, sondern die eigene Erleichterung. Nur gleicht dieses Streben einem Trugschluss. Gefangen in einem Hamsterrad. Jede beendete Arbeit erfordert den Beginn der nächsten. Geplagt vom ständigen Zweifel, ob eine Kreation Vollkommenheit erreicht, strebt jedes neue Werk diesem Anspruch entgegen. Lediglich ein Aspekt wird niemals in Frage gestellt: Genau Das tun zu müssen.

Den Stempel des vermeintlichen Genies drückt die Außenwelt auf. Kreative produzieren um ihrer selbst Willen, dem innewohnenden Drang nachgebend und unterliegen lediglich der eigenen subjektiven Wertung. Die Wertigkeit für die Allgemeinheit wird erst durch diese erzeugt und festgelegt.

Künstler prophezeien immer die Schaffung großer Werke, was bei genauer Betrachtung nur auf sich selbst gemünzt ist. Jedes nächste soll das vorige übertreffen. Die Selbstbeweihräucherung dient der Ablenkung von den Selbstzweifeln. Das nach Außen wahrnehmbare Ego ist ein fragiles Gerüst, welches schnell ins Wanken gerät. Anerkennung trägt zur Stabilität bei, offenbart aber auch die Zerrissenheit der Kreativen. Was ein Produkt der inneren Zwänge ist und zur eigenen Befreiung dient, buhlt dennoch um die Aufmerksamkeit aller.

In der Suche nach Bedeutsamkeit vereinen sich sämtliche Unterschiede.

Erschafft Schmerz immer Großes? Ja.
Erschafft Schmerz immer Großes? Nein.

Beides ist richtig. Es ist eine Frage des Betrachtungswinkels. Für den Kreativen ist jedes Werk groß und doch zu unvollkommen, weshalb er unbedingt ein größeres schaffen muss. Diesem Verlangen kann kein Widerstand entgegengesetzt werden. Großes im Sinne der Allgemeinheit ist nicht die ursächliche Intention, sondern wird erst durch diese dazu bestimmt. Schmerz erschafft – was auch immer am Ende dabei herauskommen mag.


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