Kurzgeschichten

Sweden by Josefin Brosche Hagsgård

Tiefgrund

»Wissen wir schon was?«
»Du siehst doch, wie das Auto gerade aus dem See gefischt wird. Als Letzter eintrudeln und hoffen, die Anderen haben die Drecksarbeit schon erledigt«, genervt rollte Frank mit den Augen. Unwissende täuschten diese Frotzeleien darüber, dass die Beiden sich hervorragend verstanden und ergänzten.
»Eine Frau am Steuer; soviel konnten die Taucher im trüben Wasser erkennen«, beantwortete Frank die Frage von Arno.
Als das Auto geborgen, die Türen geöffnet und das meiste Wasser entwichen war, näherten sie sich dem Objekt.
»Da wollte jemand sicher gehen«, kommentierte Arno und deutete auf die heruntergelassenen Seitenscheiben.
»Ganz sicher sogar«, ergänzte Frank an der offenen Fahrertür. Arno musste sich etwas ducken, um durch die Rückscheibe zu erkennen, worauf sein Kollege zeigte.
»Oh wie Ätzend«, fluchte er. Die Hände der Frau waren mit Packband am Lenkrad verklebt. »Wie lange dauert ertrinken, Dok?«, fragte er den neben Frank stehenden Rechtsmediziner.
»Wie lange sie gelitten hat? Falls es dir hilft, nach ungefähr 30 Sekunden dürfte sie bewusstlos gewesen sein.«
»Sonst irgendwelche Gewaltanwendungen oder sexuelle Übergriffe?«
»Arno, ich habe noch nicht angefangen, also nerve nicht!«, schnauzte der Dok zurück und bedachte Arno mit einem bösen Blick. Der setzte ein diebisches Grinsen auf, sobald sich der Dok ins Auto beugte. Frank schüttelte den Kopf, konnte sich ein Grinsen aber auch nicht verkneifen. Zerrissene Bluse und entkleideter Unterkörper drängten die Fragen geradezu auf. Arno zuckte mit den Schultern und wendete sich der äußeren Betrachtung des Autos zu, während Frank den Innenraum übernahm.
»Handtasche gefunden!«, rief einer der anwesenden Kollegen. Alle blickten zum Taucher, der den Fund in die Höhe hielt und Richtung Ufer schwamm. Jemand von der Spurensicherung nahm sie entgegen und kam damit zu Arno und Frank. Beim Öffnen der Tasche wurde klar, warum sie nicht auf der Oberfläche des Sees treiben konnte – das Gewicht einer kleinen Pistole zog sie auf den Grund.
»Jetzt wird es noch komplizierter«, maulte Arno.
»Den falschen Fuß zum Aufstehen benutzt?«, stichelte Frank.
»Es ist Samstag. Morgengrauen. Akuter Schlafmangel«, nörgelte dieser zurück.
»Spät geworden gestern?«, erkundigte sich sein Partner.
»Nein. Früh!«
Frank schmunzelte.
»Nora Lensfeld«, meldete der Beamte, der den durchnässten Inhalt auseinander nahm und den Personalausweis gefunden hatte. Das Passbild stimmte mit dem Opfer überein. Frank notierte sich die Adresse und stiefelte zu seinem Wagen. Arno trottete hinter ihm her.
Nachdem sie einige Minuten unterwegs waren, sinnierte Arno vor sich hin. »Mord. Vergewaltigung. Vielleicht ein geplanter Selbstmord, der anders verlief. Vielleicht ein geplanter Mord, der anders verlief.« Eine Reaktion erwartete er nicht. Beide hingen ihren Gedanken nach, bis sie vor dem Mietshaus in einem gutbürgerlichen Stadtteil vorfuhren. Es dauerte etwas, bevor der Türsummer ihnen Einlass gewährte. Zu dieser frühen Stunde kaum verwunderlich. In die Wohnung bat man sie erst, nachdem sich beide ausgewiesen hatten. Sie blickten in das schläfrige Gesicht eines Mannes im Bademantel, den dieser jetzt ordentlich zuband. Aus dem Hintergrund tauchte ein jüngerer auf, der als Sohn vorgestellt wurde.
»Ihre Frau…«
»Die ist übers Wochenende weggefahren«, unterbrach der Ältere Frank murrend. Arno ahnte, was jetzt kommt.
»…haben wir gerade tot aus einem See geborgen.« Das saß, wie der aufklappende Mund und das bleicher werdende Gesicht des Mannes bewiesen.
›Selber Schuld‹, dachte Arno, ›uns fallen solche Momente auch schwer.‹
»Das ist ja schrecklich«, ließ sich der Sohn vernehmen und bei Arno die Nackenhaare aufstellen. Ein kaum merkliches Zucken bei seinem Kollegen verriet ihm, dass auch er über Formulierung und Tonfall gestolpert war. Sie fassten sich kurz. Nach der Beileidsbekundung wurden die obligatorischen Fragen nach Wochenendziel, Arbeitsplatz, Freundinnen und möglichen Feinden rasch beantwortet. Schweigend und ohne Hast begaben sich die Ermittler zu Franks’ Dienstwagen und starteten Richtung Dienststelle. Als sie an einer Ampel hielten, platzte es synchron aus ihnen raus. »Der eigene Sohn?« Fassungslos schüttelten sie ihre Köpfe, während sich der Verkehr wieder in Bewegung setzte. Im Kommissariat angekommen, verließen sie gerade den Fahrstuhl, als sich die Frage erübrigte, ob ihr Chef anwesend sei.
»Herkommen!«, bellte es durch den Flur und unterstrich, warum er hinter seinem Rücken nur Boris die Bulldogge genannt wurde.
»Und?«, ohne aufzublicken ließ der fordernde Tonfall keine Zweifel an seiner schlechten Laune zu.
»Wir kennen den Mörder«, brachten die Ermittler gleichzeitig hervor und mussten sich ein Schmunzeln verkneifen.
»Warum sind wir noch hier?«, knurrte die Bulldogge, sah aber immer noch nicht auf.
»Keine Beweise.«
»Keine Beweise«, echote Arno, um gleich nachzulegen, »kein Motiv«.
»Kein Motiv«, echote Frank. Boris flache Hand schlug laut auf den Tisch. Jetzt schenkte er seinen Untergebenen doch einen Blick, einen giftigen.
»Seid ihr unter die Komiker gegangen?«, blaffte er Beide an und widmete sich wieder seinem Papierkram. Frank und Arno warteten auf weitere Anweisungen.
»Soll ich euch an die Hand nehmen, oder warum steht ihr hier noch herum? Ihr seid doch keine Anfänger mehr, also gebt Gas, damit wir wieder nach Hause können!« Beim Verlassen grummelte ihnen ein, »und macht die Tür zu«, hinterher.
Im eigenen Büro fielen sie erleichtert in ihre Stühle und feixten sich einen.
»Dann mal los«, eröffnete Frank die kommenden Stunden und klatschte in die Hände.
Die wütende Verwünschung aus dem Telefonlautsprecher überraschte Beide.
»Wenn sie Frau Lensfeld erwischen, soll sie im Knast versauern!« Der Ausbruch stammte von ihrem Chef, den sie in seiner Firma aufgespürt hatten. Ungefragt erfuhren die Ermittler auch den Grund. Er versuche mit seinem Anwalt und Finanzchef die Summe zu ermitteln, die sich ihre Angestellte abgezweigt hat. Sie seien gestern über dubiose Zahlungen gestolpert und hätten bisher einen Fehlbetrag von einer Million Euro entdeckt.
»Von Frau Lensfeld werden sie die nicht mehr zurück bekommen«, hakte Frank bei einer Pause ein.
»Wieso das denn nicht?«, echauffierte sich die Gegenseite.
»Sie wurde heute Morgen tot aus einem See gefischt«, klärte Arno auf und brachte den Chef zum Verstummen. Hörbar betroffen ergriff dieser das Wort.
»Eine Bestrafung wäre verdient gewesen, aber so… – Nein, das ist zu hart, das…«, seine Stimme brach ein. »Aber wer?«
»Das versuchen wir zu ermitteln. Erst mal vielen Dank, wir melden uns«, beendete Frank das Telefonat.
»Okay«, begann Arno, »Geld wäre ein gutes Motiv, aber der Sohn?«, endete er ungläubig.
»Wir stehen noch am Anfang. Lass uns herausfinden, wohin sie wollte«, erstickte Frank jegliche Spekulationen und wählte bereits die Nummer der angeblich besten Freundin.
»Nora?«, drang es diesmal verwundert aus dem Lautsprecher. »Nein, die wollte mich nicht besuchen«, setzte Agnes fort, deren Name ihnen Noras Ehemann nannte. »Wie kommen sie darauf?« Frank hatte den Mund schon für eine Antwort geöffnet, »und überhaupt, wieso ruft mich die Polizei an. Hat Nora was verbrochen?« Frank holte erneut Luft, »oder ich etwa? Mir so Früh einen solchen Schrecken einzujagen ist ungeheuerlich!« Frank und Arno verdrehten die Augen und grinsten. Amüsiert hörten sie einige Minuten den Lobeshymnen geduldig zu.
»Hatte sie ein bevorzugtes Urlaubsziel?«, fuhr Frank irgendwann dazwischen. Beleidigt, unterbrochen worden zu sein, kam nur schnippisch, »warum fragen sie mich und nicht Eddi?« Arno ließ sich gegen die Rückenlehne fallen und reckte hilfesuchend Hände und Augen gen Zimmerdecke. Frank ließ Kopf und Schulter hängen. Natürlich hätten sie Eddi, womit Noras’ Mann Edgar gemeint war, gefragt, hätten sie geahnt, dass es wichtig sein könnte. Schweigend warteten die Ermittler darauf, dass die Freundin ihre Künstlerpause beendete.
»Sie war vernarrt in Südamerika. Um was geht es hier eigentlich?«, meldete sie sich zurück.
»Fragen sie das Eddi«, erwiderte Frank und legte auf. Arno und Frank prusteten los, stellten sich doch Beide vor, wie die Gute jetzt verärgert ihr Telefon anstarrte. Während sie nach Reiseverbindungen recherchierten, platzte ihr Kollege ins Büro, der die finanziellen Hintergründe durchleuchten sollte.
»Die Kurzfassung bitte«, kam ihm Arno zuvor und fing sich einen verärgerten Blick ein.
»Na gut«, legte der Ermahnte los. »Beim Ehemann ist nichts. Das Opfer hielt sich für Klug, war aber stümperhaft. Knapp 1,75 Millionen Euro sind bei einer Bank in Panama deponiert. Der Sohn ist oberflächlich sauber, scheint aber ein Spiel-Problem zu haben.«
»Deshalb wohnt er also noch bei Mama und Papa«, mischte sich Frank ein.
»Genaueres ließ sich noch nicht ermitteln. Diese Branche schläft noch«, fuhr der Kollege unbeirrt fort.
»Der Junge sieht mir nicht nach einem harten Hund aus. Ich vermute, er wird gestehen, wenn wir ihn verhaften«, teilte Arno seine Einschätzung mit.
»Dann lass uns das überprüfen.« Mit diesen Worten erhob sich Frank und blies zum Aufbruch.
Edgars erstaunter Blick beruhte wohl weniger darauf, die Kripo-Leute so schnell wiederzusehen. Eher lag es an den vier uniformierten Polizisten in deren Gefolge. Als sein Sohn wortlos die Arme ausstreckte, um sich verhaften zu lassen, entglitten seine Gesichtszüge vollends.
Arno klärte den ahnungslosen Mann auf. »Ihre Frau hat 1,75 Millionen beiseite geschafft und wollte sich nach Südamerika absetzen. Ihr Sohn fand das im letzten Moment heraus. Wegen seiner Spielsucht stand er bei den falschen Leuten in der Kreide. Von der Gelegenheit geblendet, brannten ihm alle Sicherungen durch. Unter Zeitnot inszenierte er die vermeintliche Vergewaltigung samt Mord.«
»Geldgier zerrt Wahrheiten ans Licht – unglückliche Ehen und krankhaftes Verhalten – und macht vor Familienbanden keinen Halt«, beendete Frank die Ausführungen und zerstörte die heile Welt von Edgar.
Auf dem Revier reichte der Bulldogge ein Wort als Kommentar zu ihrem Bericht: »Tragisch.«

– – –

Artikelbild: Sweden © bei Josefin Brosche Hagsgård auf unsplash.com / Lizenz: CC0 / Bearbeitet: Abmessungen proportional verkleinert

Mehr Kurzgeschichten

Der Zyklus vom Sein

Licht-driftet-ins-Dunkel_by_Erich-Ferdinand_flickrcom

Ohh, wie ich dieses Materialisieren aus dem Nichts hasse. Schwuppdiwupp und schon finde ich mich in einer unbekannten Umgebung wieder. Überall zieht und zwickt es. Und weil ich ja der Neue bin, zerrt man mich gleich in die erste Reihe. … weiterlesen

Helge schmeckt Meer

Duenen-Meer_by_Hans-Werner-Schultz_pixeliode

Helge wusste es nicht Anders. Nachdenklich starrte er in der glatten Oberfläche des nahegelegenen Sees auf sein Spiegelbild. Es war Hochsommer und zu dieser späten Stunde warm genug, dass er außer seiner kurzen Hose unbekleidet war. Er registrierte durchaus, dass … weiterlesen

Überraschende Begegnung

Sonnenuntergang

Laut fluchend schlug ich mich durch das dichte Unterholz. Gezeichnet von zum Teil leicht blutenden Kratzern, war meine Freude auf diese einsame Bucht schon vor Minuten verflogen. Im entscheidenden Moment trug der Wind mir leise das Plätschern sanfter Meereswogen hinüber. … weiterlesen

Die verpasste Liebe

Herz-in-Hand_by_Helene-Souza_pixeliode

Es war ein traumhaft schöner Sommertag, an dem ich meine, seit Tagen so lang erhoffte Liebeserklärung bekam. Ein wunderschöner Ausblick über Feld und See, ein warmer, leichter Wind, der die Haut zart streichelte. Alles wie im Märchen. Es begann mit … weiterlesen

Von der Realität überholt

retro_lotto_by_cpradi

Oh nein, nicht schon wieder und nicht Jetzt! Bitte, bitte verzieh dich wieder. Warum überfällst du mich gerade jetzt? Wie konntest du dich unbemerkt einschleichen? Was hat dich veranlasst mich gerade jetzt heimzusuchen? Du bist zwar schön und zu anderen … weiterlesen