Licht-driftet-ins-Dunkel_by_Erich-Ferdinand_flickrcom

Der Zyklus vom Sein

Ohh, wie ich dieses Materialisieren aus dem Nichts hasse. Schwuppdiwupp und schon finde ich mich in einer unbekannten Umgebung wieder. Überall zieht und zwickt es. Und weil ich ja der Neue bin, zerrt man mich gleich in die erste Reihe. Hier treibt man es besonders Bunt mit mir. Der Besuch eines Tollhauses oder einer Achterbahn ist ein Kinderspiel dagegen. Versehentlich in der Waschmaschine landen wäre im Vergleich ein harmloser Urlaub.

Zuerst schubst man mich in die rechte Hälfte meines neuen Zuhauses. Dort dehnt und biegt man mich; verformt und modelliert mich neu, und verpasst mir eine Reihe unterschiedlichster Anstriche. Zwischendurch katapultiert man mich in die linke Hälfte. Hier treffe ich auf andere Leidensgenossen, mit denen ich Zwangsverkuppelt werden soll. Wir werden geklebt, verschraubt, gefesselt, umschnürt und zu waghalsigen Gebilden verknüpft. Immer wieder bricht diese Konstruktion ein; dann werde ich oder einer der Kollegen wieder in die rechte Hälfte geschickt, aus der wir dann mehr oder weniger stark verändert erneut hier landen. So geht die Bastelstunde von Runde zu Runde weiter.

Ich kenne ja nicht den Sinn dahinter, der verzweifelt versucht mich mit Meinesgleichen zu verbinden. Ich für mich Alleine finde mich auch als Einzelgänger recht attraktiv. Zumeist sind auch meine Artgenossen recht ansehnlich. Nur unsere Steuereinheit scheint da anderer Meinung zu sein.

Will die Konstruktion partout nicht halten, tauchen neue Mitspieler auf. Mit ihnen werden Löcher gestopft, dienen als zusätzliche Verbindungen zwischen vorhanden Bausteinen, oder Erweiterungen des Gebildes. Und immerzu werden wir zwischen den Hälften hin und her bugsiert, um uns gefügig zu machen. Denn schert einer von uns auch nach wiederholten Anpassungsmaßnahmen aus, droht ihm der Alptraum von uns Allen: Verbannung!

Ins Exil ausgestoßen, dümpelt man dann so vor sich hin. Dunkelheit umschließt und Langeweile quält einen. Die meisten Versuche, wieder ein Teil des bunten Trubels im Rampenlicht zu werden, scheitern. Da kann man sich noch so Krumm machen, aus eigener Kraft ist das nicht zu schaffen. Der Verlust der Aufmerksamkeit schmerzt und lässt dich buchstäblich austrocknen.

Nein, dass ist nicht schön, schließlich habe ich nicht um meine Anwesenheit hier gebettelt. Bei voller Lebendigkeit immer weiter in die Belanglosigkeit abzurutschen, verletzt und bricht den Stolz. Erst gefeiert, jetzt als wertlos abgetan. Wer verkraftet schon solch eine Behandlung?

Hier im Abseits bin ich wahrlich nicht Alleine. Unzählige Ehemalige tummeln sich hier herum und immer wieder kommt Nachschub an. Die Gefahr ist jetzt, dass die Neuen die Alten immer weiter nach Hinten drängen. Immer weiter dort hin, wo die Hoffnung stirbt, je wieder beachtet zu werden. Dort, wo nur noch Tristesse herrscht, wo trotz der Masse an Artgenossen die Einsamkeit alles ist.

Die Krux an diesem Ablauf ist, dass Sterben nicht möglich ist. Ich werde hier solange vor mich hin dümpeln, bis die Steuereinheit abgeschaltet wird. Damit zu hadern, nicht Gut genug gewesen zu sein, bleibt mein einziges Lebenszeichen. Sehnsüchtig richtet sich der Blick zu den Auserwählte. Ja doch, die gibt es. Sie logieren in einem extra Bereich und finden immer wieder mal Beachtung. Die brauchen sich auch nicht mehr auf der Bühne quälen, weil sich wohl eine Form für sie fand, die passte und ihnen so das Überleben sichert.

Wenn du mir jetzt vorhältst, ich ergebe mich meinem Schicksal, können wir ja gerne tauschen! Die Verdammnis habe ich mir nicht ausgesucht. Jedes Herumdoktern habe ich mir gefallen lassen, gerade, um eben nicht hier zu landen. Mein Einfluss ist leider begrenzt, da ich von meinen Artgenossen abhängig bin; wie diese von mir. Ergeben wir nicht das gewünschte Resultat, blüht uns allen dasselbe. Ich brauche mir nichts vorzuwerfen. Aus dem Nichts geboren, sollte ich für diese Chance dankbar sein.

Jetzt bin ich Müde. Ob ich irgendwann irgendwo wieder materialisiert werde? Vielleicht. Gänzlich ausgeschlossen ist das nicht. Es ist aber müßig über Eventualitäten zu spekulieren. Ich existiere alleinig im Hier und Jetzt.

Wer ich bin?

Oh, Verzeihung. Da lamentiere ich dir hier die Ohren voll und vergesse darüber meine Höflichkeit. Darf ich mich vorstellen: Ich bin dein Gedanke!

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Artikelbild: 12 o’clock © bei Erich Ferdinand / flickr.com / Lizenz: CC BY 2.0 / Bearbeitet: Abmessungen für Webseite proportional angepasst; keine inhaltlichen Veränderungen

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