Duenen-Meer_by_Hans-Werner-Schultz_pixeliode

Helge schmeckt Meer

Helge wusste es nicht Anders. Nachdenklich starrte er in der glatten Oberfläche des nahegelegenen Sees auf sein Spiegelbild. Es war Hochsommer und zu dieser späten Stunde warm genug, dass er außer seiner kurzen Hose unbekleidet war. Er registrierte durchaus, dass seine Figur über die Jahre mächtiger geworden war. Seinen Vater überragte er um mehr als einen Kopf und viel Stärker wurde er ebenfalls. ‚Habe ich die Kraft aus meinen Eltern gesaugt?’, dachte er im Stillen. Bisher hatte er sich über den körperlichen Verfall seiner Eltern keine Gedanken gemacht. Ihm hatte es Spaß gemacht, über die Jahre immer mehr der anfallenden Arbeiten zu verrichten. Ihn betrübte, dass seine Eltern nicht mehr aufgestanden waren, nachdem sie sich vor zwei Tagen zur Nachtruhe begaben. Jeder seiner Versuche sie zu wecken war vergebens. Er war besorgt, aber die tägliche Arbeit wartete auf Erledigung und lenkte ihn ab. Morgen näherte sich der Tag, an dem sein Vater vor Anbruch des Tageslichts, mit einem gut gefüllten Korb an Früchten ihrer Felder, den Hof verließ und erst bei Dunkelheit zurückkehrte. „Ich weiß doch gar nicht, wohin Papa geht und was er an diesem Tag macht!”, warf er vorwurfsvoll seinem Abbild entgegen, machte auf dem Absatz kehrt und ging zurück zum Haus.

Pflichtbewusst bestückte er den Korb, wie er es jahrelang mit seinem Vater gehandhabt hatte. Nur das beste Obst, Gemüse, geräuchertes Fleisch und Fisch wurde eingepackt. Die Familie selbst lebte von den weniger ansehnlichen Stücken. Bevor er unter seine Bettdecke kroch, stupste er nochmal vorsichtig seine Eltern an und erhielt erneut keine Reaktion.

In dieser Nacht machte Helge kein Auge zu. Die Fragen nach dem Warum und wie es Weiter gehen sollte, raubten ihm jeglichen Schlaf. Lange bevor sich die Sonne am Horizont blicken ließ, stand er auf und nahm ein karges Frühstück zu sich. Für unterwegs packte er sich etwas Verpflegung ein. Schließlich hatte er keine Ahnung, was ihm bevorstand. Zuletzt stand er voller Zweifel vor dem Küchenschrank. Er wusste von dem Gefäß, in dem sein Vater nach solchen Tagen runde Metallstücke und buntes Papier sammelte. Ohne deren Bedeutung zu kennen, entnahm er den Inhalt und verstaute alles in einem Beutel, den er fest verschnürte und tief unter seinem Gewand verstaute. Draußen schnallte er sich den schweren Korb auf den Rücken. Seine Reise startete er in die Richtung, in die auch sein Vater immer verschwand. Es erleichterte ihn, seinen Hund Hannes an der Seite zu haben.

Am Horizont kündigten die ersten Risse in den dunklen Wolken der Nacht die Ankunft eines neuen Tages an. Helge folgte stur dem einzigen Pfad, der von ihrem Hof weg führte und er nie zuvor soweit gegangen war.

„Kruzifix verdammt! Dieser lose Sand ist noch mein Verderben!”
Neugierig blieb Helge stehen und sah sich am Boden um, woher dieses Fluchen kam. Er erblickte eine Schnecke, die in eine Kuhle gerutscht war und verzweifelt gegen den trocknen und lockeren Sand ankämpfte. Vorsichtig ergriff Helge die Schnecke an ihrem Gehäuse und setzte sie ins nahegelegene Gras. Der Schnecke blieb nicht mal Zeit, sich in ihrem Häuschen zu verstecken.
„Danke, guter Mann”, raunte sie und war in Gedanken bereits mit dem saftigen Grün beschäftigt.
„Bitte, gern geschehen”, antwortete Helge und sah nie eine Schnecke, die sich derart schnell in ihr Haus verkroch. Mit einem Lächeln wünschte er guten Appetit und richtete sich auf, um seinen Weg fort zu setzen.
„Halt!”, schalte es ihm hinterher. Er schaute zurück und sah, wie die Schnecke sich aufblähte und ihr Vorderteil anhob. Sie versuchte Größer zu wirken.
„Was gibt es, Herr Schnecke?”, fragte Helge. Amüsiert registrierte er ein leichtes Zucken in dessen Körper.
„Du verstehst mich?”, kam es kleinlaut aus deren Richtung.
„Natürlich”, erwiderte Helge erheitert, „was ist daran Besonderes?”
„Kein Zweibeiner kann mit uns sprechen”, kam es zwar trotzig, aber mit leichter Verwunderung zurück.
„Herr Schnecke, gerne unterhalte ich mich mit ihnen, nur drängt mir die Zeit, von der ich nicht weiß, wie viel mir davon bleibt.” Helge wurde ungeduldig.
„Wenn ihr meine Anwesenheit schätzt, erlaubt mir euch zu begleiten. Eure Schultern sehen breit genug aus und Gewicht bringe ich kaum mit”, warf das sichtlich aufgewühlte Kriechtier schnell ein. Seine Neugier war größer, als alle Bedenken und diese Gelegenheit wollte es nicht von dannen ziehen lassen. Um keine weitere Zeit zu verlieren, hob Helge die Schnecke auf seine rechte Schulter, wo sie sich sogleich fest an den Stoff klammerte. Amüsiert, aber besorgt, setzte Helge seinen Weg mit großen Schritten fort.
„Wer seid ihr und wohin führt euer Weg?”, fragte nach Minuten des Schweigens sein neuer Begleiter.
„Ich werde Helge gerufen und kenne meinen Weg nicht”, antwortete Helge wahrheitsgemäß.
„Wieso versteht ihr mich, Herr Helge?!” Leichtes Entsetzen klang in dieser Frage mit.
„Wie lautet euer Name, werter Herr Schnecke?”, war die freundliche Erwiderung.
„Wir haben keine Namen, weil wir keinen brauchen”, antwortete diese verwundert.
„Darf ich euch Kasimir nennen?”, fragte der Mensch.
„Gerne, wenn ihr mir meine Fragen beantwortet.” Weitere Minuten vergingen, in denen Helge versuchte sein Tempo zu halten.
„Meine Eltern legten mich im hohen Gras ab, bevor ich mich eigenständig fortbewegen konnte. Ich hörte viele Laute um mich herum. Es war ein ähnliches Gebrabbel, wie von meinen Eltern. Nichts verstand ich!” Kasimir wusste, dass er jetzt nicht unterbrechen durfte, wollte er mehr erfahren.
„Sobald ich Krabbeln konnte, erkundete ich die Umgebung und gelangte an unseren See. Ich wollte das Gesicht berühren, was ich dort erblickte, fiel in diese nasse Dunkelheit und schlief nach kurzer Zeit ein.” Gedankenverloren kramte Helge in seinen Erinnerungen, behielt aber den kraftvollen Rhythmus seiner Schritte bei. „Als ich erwachte, blickte ich in die glücklichen Gesichter meiner Eltern. Seitdem verstehe ich sämtliche Sprachen meiner Umgebung. Hannes kann das bezeugen.”
„Genau!”, unterstrich dieser die Aussage lautstark. Helge hatte ihn mitgenommen, weil Hannes stets seinen Vater begleitete und sich hoffentlich an das Ziel ihrer Reise erinnern würde.
Nach einiger Zeit war es erneut Kasimir, der das Wort ergriff. „Wohin führt dich dein Weg?”
Nachdenklich richtete Helge seinen Blick gen Himmel. „Ich weiß es nicht”, war seine ehrliche Antwort. „Papa ging diesen Weg nach einem festen Plan. Jetzt schläft er seit drei Tagen und wacht nicht mehr auf. Darum gehe ich heute diesen Weg, obwohl ich nicht weiß, wohin er führt und mich dort erwartet.”
„Was weißt du über den Tod?”, fragte Kasimir.
„Ich zeigte Papa Tiere, die sich nicht mehr bewegten. Er erklärte mir, jedes Leben währt einen begrenzten Zeitraum und unterscheide sich von Lebewesen zu Lebewesen.”
„Sehr Weise. Dass ebenso Zweibeiner diesem Gesetz folgten, verschwieg er dir?“, wunderte sich Kasimir.
„Sie werden niemals mehr erwachen?” Entsetzt blieb Helge stehen. In ihm explodierte es und zog sich gleichsam zusammen. Nie zuvor empfand er eine solch innere Zerrissenheit. Feuchtigkeit gewann in seinen Augen überhand und lief an seinem Gesicht runter. Unter Tränen aufgelöst, bebte sein Körper. Schluchzend und aufgewühlt setzte er umso energischer seine Reise fort.

„Wohin führt mich dieser Weg, Hannes?”
„In die Welt”, erwiderte sein treuer Gefährte besorgt.
Schweigend folgte die Gemeinschaft der Strasse. Jeder hing seinen Gedanken nach. Bis am Horizont Bewegung auftauchte.
„Was geht da vor sich?”, fragte Helge.
„Die Menschen strömen zur Stadt. Zum Markt, um Sachen zu verkaufen und kaufen”, warf Hannes ein. Unvermittelt blieb Helge stehen.
„Wir sind nicht Alleine?” Ihm stockte der Atem.
„Natürlich nicht”, kläffte Hannes zurück.
„Keine Rasse besteht aus einigen wenigen Exemplaren”, ergänzte der Schneckenmann.
Obwohl ihm das Herz bis zum Hals schlug und sein Zutrauen schwand, setzte Helge sich wieder in Bewegung.

„Was erwartet mich, Hannes?” Zaghaft wandte Helge sich an den Einzigen, der diese Reise bereits mehrfach absolvierte. „Unglaubliches”, war seine mysteriöse Antwort, die Helges Zuversicht nicht erhöhte.
Unsicher bog er in den Weg ein, dem die anderen Menschen folgten. Die Existenz einer Welt außerhalb seines Hofes überstieg seinen Vorstellungen. Kasimir oblag es, ihn aus seiner Gedankenwelt zu reissen.
„Du hast keine Ahnung, was auf dich zu kommt?!” Es war weniger eine Frage, als eine Feststellung und der Schneckenmann schüttelte ungläubig sein Haupt. Den forschen Schritt verlangsamend, richtete Helge seinen Blick auf Kasimir.
„Mich erfüllt Sorge. Ich schlug den Weg meines Vaters ein, der nicht mehr atmet. Es ihm Recht machen, war meine Absicht. Jedoch erlangte ich keine Kenntnisse, die über die Grenzen unseres Hofs hinaus gingen. Meine Eltern lehrten mich, von der eigenen Ernte zu Leben. Mir kam es nicht in den Sinn, nach mehr zu fragen.”
„So ist es”, bestätigte Hannes.
„Du trauriger Wurm”, warf die Schnecke ein, „besitzt kein Wissen von der Welt?”
„Was interessierte mich die Welt, von der mir nichts bekannt war. Ich möchte lediglich meinem Vater Ehre erweisen. Niemals erzählte er von hier; niemals von seinem Tun.”

„Wieviel ergibt drei plus drei?”, wechselte Kasimir abprupt das Thema.
„Was willst du von mir?” Helge war irritiert.
„Weißt du was Geld ist?”, ließ der Schneckenmann nicht locker.
Unbeirrt behielt Helge den Takt seiner Schritte bei und tat, als habe er die Frage nicht gehört.
„Kennst du dein Alter?”
„Ich kann deine Fragen nicht beantworten”, zischte er zornig zurück. Es ärgerte ihn, dass dieses kleine Lebewesen scheinbar mehr Wissen besaß, als er.

Am Horizont erhoben sich die Umrisse vieler Gebäude. Nicht im Traum hätte Helge sich eine derartige Ansammlung vorzustellen vermocht. Auf mehreren Wegen strömten eine kaum zählbare Menge an Menschen zu diesem Ort. Ein flaues Gefühl breitete sich in seinem Unterleib aus. Die Ungewissheit machte ihm Angst. Ihm kam der Gedanke an Ameisen, die in den Tiefen ihres Baus verschwanden.

Als die Sonne zur Hälfte über den Rand des Horizonts gekrochen war, erreichte das ungewöhnliche Trio die Stadt. Von Nahem stellten sich die Häuser als viel Größer heraus, als sie aus der Ferne wirkten und er von seinem zu Hause kannte. Die Umtriebigkeit in den Gassen und ihm entgegen schlagender Lärm, lähmten Helges Bewegung. Unvermittelt blieb er stehen. Von diesem plötzlichen Ruck überrascht, wäre Kasimir beinahe von der Schulter gerutscht. Mit aller Kraft saugte er sich an den Stoff und verhinderte im letzten Moment den tiefen Fall. Unversehrt hätte er diesen mit Sicherheit nicht überstanden. Erleichtert holte er tief Luft.

„Hab keine Angst”, versuchte Hannes sein Herrchen zu ermuntern. „Der einzige, der hier beißt, bin ich – und natürlich meine Artgenossen.” Freudig wedelte er mit seinem Schwanz. Von der Fülle an Eindrücken übermannt, richtete Helge seine Augen auf den Hund. Abwesend glitt der Blick durch diesen hindurch.
„Herr, lasst uns sputen. Ist unser Platz belegt, muss ich knurrend und Zähne fletschend diese Leute von ihrem Irrtum überzeugen.” Aufgeregt stupste Hannes sein Herrchen mit der feuchten Nase an. „Die letzten Male passierte das ständig, weil der alte Mann zusätzliche Pausen auf dem Weg hierher einlegte.”
Langsam kehrte das Bewusstsein in Helge zurück. Er reckte seine Nase zum Himmel.
„Wonach riecht es hier?”
Abfällig spie Hannes seine Antwort aus. „Viele Zweibeiner auf einem Haufen machen eine Menge Dreck. Jedes mal freue ich mich, wenn wir diesen Ort wieder verlassen.”
Helge schüttelte den Kopf. „Nein, den Gestank meine ich nicht. In der Luft schwebt noch anderes mit.”
„Geschichten erzählen von einem großen Wasser auf der anderen Seite der Stadt”, bemüßigte sich Kasimir einzuwenden. Fragend blickte Helge erst die Schnecke, dann seinen Hund an.
„Obgleich ich den Unterschied zu unser heimatlichen Luft rieche, habe ich keine Erklärung. Unser Weg führte zum Marktplatz und Abends auf dem selben Weg zurück.” Enttäuscht, seinem Herr nicht mehr berichten zu können, ließ Hannes den Schwanz sinken.
„Gräme dich nicht treuer Freund, es ist nicht dein Versäumnis. Du, Kasimir, erzähle mir mehr.”
Bevor dieser antworten konnte, meldete sich erneut Hannes. „Herr, wir müssen weiter!”
„Dann führe uns.”
Sogleich setzte sich der Vierbeiner an die Spitze und achtete darauf, sein Herrchen in dem zunehmenden Getümmel nicht zu verlieren.
Während dessen richtete der Schneckenmann auf seiner Schulter mahnende Worte an Helge. „Du wirst Verwunderung und Ablehnung erfahren, wendest du deine Worte an mich oder Hannes. Beachte dies und unterlasse es, mit einem Tier zu reden!” Eingeschüchtert nickte Helge.

Zufrieden begann Kasimir sein Wissen zu teilen. „Die meiste Zeit im Jahr sind wir Schnecken Einzelgänger”, hier hüstelte er verlegen, doch Helge verstand seine Andeutung und flüsterte nur, „Weiter”.
„Hin und wieder begegnen wir Artgenossen. Bei solchen Anlässen tauschen wir das Erlebte und Gehörte miteinander aus. Unser Lebensraum mag eingeschränkt sein, jedoch lauschen wir den Vögeln. Einige unternehmen lange Reisen und berichten aus weit entfernten Ländern. Die meisten Geschichten erfahren wir auf diese Weise. Leider stehen wir auf deren Speiseplan. Ist unser Versteck nicht klug gewählt, enden wir als Mahlzeit in einem Magen. Viele Abenteuer wurden daher nie erzählt.” In seinen Erinnerungen versunken, hatte Kasimir sich außer Atem geredet und gönnte sich eine Pause. Erst jetzt registrierte er, dass sie am Rand eines großen Platzes standen und das Gewusel der Menschen einem Bienenstock glich.

„Hier entlang”, meldete sich Hannes und drängte zur Eile. Helge mühte sich, seinen Hund nicht aus den Augen zu verlieren. Das Treiben auf dem Platz lenkte ihn ab. Aufmerksam studierte er die Auslagen auf den in mehreren langen Reihen stehenden Tischen. Eine Vielzahl verschiedenster Lebensmittel wurde dargeboten. Manches erkannte Helge, wuchs es auch auf ihrem Land. Die Mehrzahl war ihm fremd. Ungewöhnliche Düfte drangen in seine Nase. Überwältigt und fasziniert glänzten seine Augen vor Aufregung.

„Warum verheimlichten mir meine Eltern dies?”, murmelte er leise vor sich her. Hannes hörte es.
„Vielleicht wollten sie dich beschützen? Diese Umgebung ist nicht friedlich.” Verwundert schaute Helge ihn an. In diesem Augenblick setzte dieser sich vor einen leeren Tisch und wedelte freudig mit dem Schwanz. „Wir haben unser Ziel erreicht und ist obendrein noch frei.”

Erst jetzt spürte Helge wieder das Gewicht des Korbes auf seinem Rücken. Über die auf ihn einprasselnden Eindrücke hatte er komplett vergessen, weswegen sie hier waren. Vorsichtig stellte er den Korb auf den Boden ab und begann seinen Inhalt auf dem Tisch auszubreiten. Wiederholt blickte er zu den Seiten. Er versuchte herauszufinden, was im Weiteren passieren würde.

Als Hannes seine Stimme erheben wollte, fuhr ihn Kasimir an. „Sei Still! Andere Menschen verstehen dich nicht und deine Geräusche lassen sie Böse werden.”
„Willst du mir die Schnauze verbieten?”, blaffte der Gescholtene beleidigt zurück; merkte aber sofort, wie sich mehrere Augenpaare auf ihn richteten. Kleinlaut verkroch er sich unter den Tisch und legte sich flach auf den Boden.

Zögerlich flüsterte der Schneckenmann. „Ich glaube, es wird ‚Handeln’ genannt. Die Stadtbewohner verfügen über kein eigenes Land, welches sie ernährt. Menschen vom Land, wie du, schaffen Nahrungsmittel heran und erhalten im Austausch…”, er stockte, „…wartet, ich komm gleich drauf – gleich fällt es mir ein … stimmt, ich hab’s – Geld!” Euphorisch rief er dieses Wort aus. Vorsichtig schaute Helge sich um, ob irgendwer komisch in ihre Richtung gaffte, aber Niemand schien es gehört zu haben.
„Geld?”, fragte er leise die Schnecke.
„Ja, Münzen und bunte Scheine”, kam die Antwort unterm Tisch hervor, wo Hannes lag. Für die Umstehenden klang es nach einem leisen Winseln, weshalb sie dem keine Beachtung schenkten.
„Davon trage ich einen ganzen Beutel unter meinem Hemd”, erwiderte Helge und versuchte seine Lippen nicht zu bewegen. „Dann pass gut darauf auf”, warnte ihn Kasimir.

„Was kostet der Kohlrabi?” Verdattert starrte Helge die ältere Frau auf der anderen Seite des Tisches an, die soeben gefragt hatte. „Nun starren sie mich mal nicht so an, junger Mann! Wie lautet ihr Preis – oder soll ich mein Geld woanders ausgeben?”
Helge versuchte sich zu sammeln und Zeit zu gewinnen, obwohl er nicht wusste, wofür. „Gute Frau, ich freue mich, dass ihnen mein Kohlrabi zusagt und schauen sie sich um, finden sie auf diesem Tisch die besten Knollen.” Er fasste Mut. „Sie sind äußerst schmackhaft und füllen lange den Bauch. Geben sie mir, was sie entbehren können und ihnen diese Frucht Wert ist.” Helge war Stolz auf sich ob der gewandten Ansprache. Freundlich lächelte er die Frau an. Die überreichte ihm ein paar Münzen und steckte sich zwei Kohlrabis in ihre Tasche. Ihm war es Gleich, ob die Gabe eine gerechte Entlohnung war, floss eine wohlige Genugtuung durch seinen Körper. In der Folge fanden seine gesamten Mitbringsel in Windeseile ihre Abnehmer. Andere Tische blieben hingegen reichlich bedeckt.

Die rege Geschäftigkeit ließ ihm keine Zeit, die erhaltenen Münzen woanders, als schnell in seiner Hosentasche zu verstauen. Gerade war er dabei diese, etwas verborgen unter dem Tisch, in seinen Geldsack umzufüllen, als er in den Augenwinkeln einen Schatten über sich bemerkte. Erschrocken blickte er hoch. Er sah sich von einer Reihe Männer umringt, von denen nicht ein Einziger freundlich drein blickte. Ein kleinerer und rundlicher Mann, der sich schwergewichtig auf einen Gehstock stütze, giftete Helge unfreundlich an. „Sehr wohl ist uns eurer Hund bekannt, doch wo steckt der alte Herr Seefeld, an dessen Seite sich die Töle stets befand?” Helge registrierte, wie Hannes unter dem Tisch seine Muskeln anspannte und die Nackenhaare aufstellte.
„Werter Herr, es stimmt mich traurig, dass ich euren Unmut schürte, obgleich mir dessen Ursache unbekannt ist. Bitte seid versichert, ein Herr Seefeld steht vor ihnen. Meine Eltern sind vor drei Tagen verstorben und ich versuche die Pflichten meines Vaters zu übernehmen. Leider versäumte er es, mich in diese einzuweisen.” Helge holte tief Luft, pochte sein Herz heftig gegen seine Brust. Als er weiter reden wollte, unterbrach ihn Kasimirs Flüstern. „Ich kann nicht Lesen, Schreiben und Rechnen schon gar nicht.” Helge stockte. Irritiert begann er seinen Kopf Richtung Schnecke zu drehen, da fauchte diese ihn an. „Nicht hersehen!” Doch es war zu spät.

„Igitt, auf euren Schultern sitzt eine Schnecke!”, spie der dicke Mann angewidert aus. Während er sprach, verlagerte er sein Gewicht auf die auf dem Tisch liegende linke Hand. Im selben Moment schnellte sein entlasteter rechter Arm mit dem Stock in Richtung Kasimir. Dieser hatte die drohende Gefahr geahnt und sich gedreht. Verzweifelt kroch er auf der Rückseite von Helges Schulter soweit hinunter, wie er sich gerade noch halten konnte. Den auf sich zu rasenden Stock sah er nicht. Träfe ihn dieser, wäre eine Bekanntschaft mit dem fest getretenen Boden unvermeidbar. Sein winziges Herz raste, als wolle es durch sein Maul springen und die Flucht ergreifen.

Helges rechte Hand schoß empor. Diese Bewegung war Gift für den Schneckenmann. Er drohte seinen letzten Halt zu verlieren. Dem Absturz nahe, bohrte er seine winzigen Zähnchen Tief in den Stoff. Einen Zentimeter vor dem Unheil bekam Helge den Stock zu fassen. Kasimirs Hinterteil schleuderte durch die Luft und Schmerz durchzog seinen Kiefer. ‚Nein, hier wollte er nicht sterben!’ Er dachte an die vergangenen, wunderbaren Stunden und mobilisierte seine letzten Kräfte.

Außer sich schleuderte Helge den Stock weg, woraufhin dieser seinem Besitzer entglitt und auf dem dreckigen Boden landete. Helge kannte die in ihm aufkeimenden Gefühle nicht. Wut war bisher kein Bestandteil seines Lebens. Sein Unwissen und Unbekümmertheit verhinderten eine weitere Eskalation. Voller Naivität strahlte sein friedliches Gemüt nach Außen. Obwohl viele der Männer eine bedrohliche Haltung annahmen, hob der vermeintliche Anführer seine Hand und zwang die Meute zum Einhalt. Kasimir kümmerte das weniger. Er suchte festen Halt. Seine Zähnchen lösten sich aus dem Stoff. Angewidert spuckte er die letzten Fusseln aus. Luft, mehr wollte er nicht. Sehnsüchtig schnappte er danach.

„Was vermag dieses kleine Lebewesen ihnen eine solche Angst einzujagen?” Helge konnte das Zittern in seiner Stimme nicht unterdrücken. „Seinesgleichen ermöglichen mir eine reichhaltige Ernte. Warum finden sich hier die besten Früchte?” Helge war aufgebracht. „Meine Nachbarn sind neidisch? Selbst Schuld!” In jeder Pore kribbelte es ihm. Eine Anmerkung konnte er sich nicht verkneifen. „Wurde je ein Mensch von einer Schnecke verschlungen?”

Betretenes Schweigen hüllte die Ansammlung ein. Viele der Männer blickten betroffen zu Boden. Deren Wortführer erhob zuerst seine Stimme. „Verzeiht, junger Herr Seefeld. Sie sind in Trauer und ich vergaß mich. Selbstverständlich haben sie Recht. Bitte nehmt meine Entschuldigung an.”
Unter dem Tisch entspannte sich Hannes und Kasimir kroch in eine stabilere Position. Allein Helge befand sich im Griff der ihm unbekannten Emotionen. „Erklärt euch”, brachte er knapp hervor.
„Junger Mann, sie führen die besten Erzeugnisse, veräußern diese jedoch zu einem viel zu niedrigen Preis, welcher den anderen Händlern zu schaffen macht.” Langsam zur Ruhe kommend, erinnerte sich Helge an die Worte Kasimirs. „Mir wurde weder Lesen, Schreiben, noch Rechnen gelehrt. Brachte mein Unwissen die Gepflogenheiten durcheinander, verzeiht mir. Gewährt mir heute Nachsicht und ich gelobe Besserung.” Die heftigen Wallungen in ihm klangen ab und Helge gewann sein Zutrauen zurück.
„Alles Neue muss sich finden. Seid hier Willkommen. Bedenkt, Gemeinschaft funktioniert nur gemeinsam!” Der Sprecher versuchte versöhnlich zu klingen. Wohl hörte Helge den drohenden Unterton.
„Bescheren die Gaben der Erde uns Allen einen vollen Magen, leben wir zufrieden. Nehmen kann, wer ausreichend gibt. Versteht ihr dieses unter ‚gemeinsam’, werde ich dem mit Freuden nachkommen.” Helge begriff nicht die Bedeutung seiner Ansprache, spürte aber, dass sie Richtig war. Mit einer angedeuteten Verbeugung drehte sich der dicke Mann zum Gehen und die Gruppe seiner Anhänger löste sich auf.

Übermannt von den Geschehnissen der vergangenen Minuten, plumpste Helge auf seinen Hosenboden. „Woher stammen meine Worte und was geschieht mit mir?”, fragte er erschöpft seine Freunde. Um nicht aufzufallen, presste Hannes zwischen seinen Zähnen hervor, „lasst uns hier verschwinden.”
Schweigend sattelte Helge den Korb, sorgsam darauf achtend, Kasimir nicht zu verletzen. Suchend blickte er sich um und fand die Gasse, aus der sie gekommen waren. Er drehte sich und entdeckte auf der Gegenseite eine ähnlich breite Gasse. In diese Richtung setzte er sich in Bewegung.
„Wohin gehen wir?”, meldete sich neugierig der Schneckenmann auf seiner Schulter. „Zum großen Wasser!” Der Tonfall von Helge ließ keine Zweifel daran, dass er keine weitere Konversation wünschte.

Als die letzten Mauern der Stadt hinter ihnen lagen, erblickten sie eine hügelige Landschaft. Von einem großen Wasser war weit und breit nichts zu sehen.
„Berge aus Sand?” Helge war verwundert. Er kannte Berge. Nicht weit von seinem zu Hause erhob sich ein kleines Gebirge. Dessen Wände waren aus festem Stein. „Wie kann Sand sich derart auftürmen?”, murmelte er vor sich hin. Sie sahen Menschen, wie sie über die Hügel verschwanden. Und da war er wieder, dieser Geruch. Den Duft, den alle schon vor der Stadt in der Nase hatten, nur weitaus intensiver.
„Riecht ihr das?”, fragte Helge aufgeregt seine Begleiter. „Natürlich! Unsere Riechorgane sind besser ausgebildet, als das Deinige”, echauffierte sich Hannes, der froh war, sich wieder in gewohnter Weise mitteilen zu können – lautstark.

Sie erklommen den Scheitelpunkt der Dünen, von denen Helge bisher nichts wusste. Oben angekommen, raubte ihm der Anblick den Atem. Vor einer Fläche aus goldgelben Sand breitete sich das große Wasser aus und schien kein Ende zu haben. Freudig aufgewühlt eilte Helge an den Rand. Dort setzte er den Korb ab und platzierte Kasimir vorsichtig auf dessen Deckel. Er entkleidete sich bis auf die Unterhose und bat Hannes, auf Alles aufzupassen. Unter grummelnden Protest setzte sich dieser pflichtbewusst daneben. Viel lieber wäre er mit vollem Eifer in die sich auftürmenden Wogen gesprungen. Helge rannte ausgelassen den Wellen entgegen und stürzte sich nach einigen Metern mit dem Kopf voran in die Fluten. Ein Stückchen weiter tauchte er wieder auf und spritze einen Schwall Wasser aus seinem Mund. Sein Gesicht strahlte vor Glück, als er seinen Freunden zu rief:

„Das schmeckt nach Salz!”

– – – – –

Ergänzung: Kasimir wurde endlich gefunden! Mehr dazu hier.

– – – – –

Statistik:
Norm-Seiten: 14
Wörter: 3.800
Zeichen: 24.595

– – – – –

Artikelbild: Juist, Dünenlandschaft © bei Hans-Werner Schultz / pixelio.de / Lizenz: Kommerzielle und redaktionelle Nutzung / Bearbeitet: Abmessungen für Webseite proportional angepasst; keine inhaltliche Veränderungen (Bearbeitungsrecht zu diesem Bild)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Anti-Spam Quiz: