Der unfertige Roman

Schreiben – Lesen – Reflektieren

Bild: Sunset Beach - 069 © bei Kyle Taylor | Lizenz: CC-BY 2.0 | Bearbeitet: Abmessungen für Webseite proportional angepasst; keine inhaltliche Veränderungen

Text veröffentlicht: 30.05.2015

Wörter: 709
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Leitwort: Fiktion

Überraschende Begegnung

Laut fluchend schlug ich mich durch das dichte Unterholz. Gezeichnet von leicht blutenden Kratzern war meine Freude auf diese einsame Bucht schon vor Minuten verflogen. Im entscheidenden Moment trug der Wind mir leise das Plätschern sanfter Meereswogen herüber. So blieb ich auf Kurs und hörte das Meer immer deutlicher. Salzige Seeluft stieg mir in die Nase, aber vor mir versperrte eine schier undurchdringliche grüne Wand die Sicht. Wo sollte hier ein Pfad zum Strand sein?

Der nächste Schritt lieferte prompt die Antwort, denn er endete nicht auf festem Grund. Von diesem Luftloch überrascht, erledigte die Schwerkraft den Rest. Das Dickicht riss weitere Wunden auf, bevor eine sandige Schräge den Fall bremste und ins Trudeln überging. Natürlich endete der unfreiwillige Abgang auf dem Bauch, mit dem Gesicht im Sand. Ohne einen Blick zurück rappelte ich mich hoch und ging Richtung Wasser. Ich war tatsächlich Alleine und konnte mich unbesorgt meiner Klamotten entledigen. Obwohl ich ahnte, was auf mich zukommen würde, stürzte ich mich in die Fluten. Als meine Füße Grund fanden, richtete ich mich auf und präsentierte der Natur meine Stimmgewalt, hervor gepresst vom Salzwasser in den Wunden.

Anschließend im warmen Sand sitzend, trocknete mich die Sonne und wohlige Wärme kroch durch meine Poren. Die Ruhe und gemächlich wogende See legten meine Seele sanft in eine Hängematte. Gedanken ließen die Beine baumeln oder zogen sich gleich ganz zurück. In meinem Kopf breitete sich die friedliche Stimmung der Umgebung aus.

»Ganz schön Himmlisch hier.« Ich schreckte aus meiner Verlorenheit auf, das Herz schlug bis zum Hals. Wütend, dass ich jemanden übersehen und sein Kommen nicht bemerkt hatte, drehte ich mich in die Richtung der Stimme, um gleich noch einen Sitz-Hüpfer zu machen und beinahe umgekippt wäre.

»Das kann nicht sein«, entwich es mir Leise.

Keck grinsend erwiderte er, »Sicher?« Sein Gesicht zeigte eine offenherzige Ehrlichkeit und Unbekümmertheit, die entwaffnend war. So Jung … und diese langen Haare, ich staunte nicht schlecht. »Wir sollten mal Reden … und mach endlich den Mund wieder zu«, kam es Frech von meinem Gegenüber. »Du hast zu unserer Musik zurück gefunden und die Haare ähneln sich, doch was ist dazwischen passiert?« Mit leicht vorwurfsvollem Ton wiegten die wenigen Worte schwer.

Langsam gab der zähe Brei im Kopf meine Stimme wieder frei. »Das weißt du doch; warst all die Jahre dabei. Hast du weggesehen, als sich unser Leben in Luft auflöste? Wie ein Traum nach dem anderen davon flog? Jedes Ziel trieben wir wie ein gejagtes Raubtier vor uns her. Wir haben uns durchgemogelt und nicht gemerkt, dass andere unseren Weg bestimmten. Du hast dich verkrochen und bist mitschuldig.« So, das musste mal raus.

»Ich?! Wieso ich? Ich bin ein Kind!« Trotzig zog er die Beine an und umschloss die Knie mit den Armen. Feuchtigkeit sammelte sich in seinen Augen. Stille. Das seichte Plätschern des Meeres und einige Vogelstimmen schwebten durch die Luft. Wir schauten uns in die Augen. Ich spürte die Intensität unserer Verbundenheit und diese Sehnsucht nach den verloren gegangenen Lebensinhalten, die jeden von uns zu zerreißen drohte. Aber da war noch etwas, stärker und mächtiger, als je eine Unsäglichkeit zerstören könnte: Liebe!

Scheinbar empfand er gleiche Gefühle; Tränen lösten sich aus unseren Augen. Doch sie waren keine Boten der Traurigkeit oder Niederlage, sondern des Glücks und der Zuversicht.

Ich streckte ihm meine Hand entgegen, die er nach kurzem Zögern mit fragendem Blick ergriff. Wir genossen den Augenblick der Einigkeit, bevor ich meine Worte wiederfand. »Keiner weiß, wie viel Zeit uns bleibt, aber wir können die Zukunft noch leuchten lassen.«

Neugierig sah er mich an. »Wie? Ich bin das verkorkste Gestern und du das beschädigte Jetzt. Was könnte ich beitragen?«

Ohne Zögern ergab sich meine Antwort aus tiefster Überzeugung und machte uns damit Mut, »ich brauche dich! Deine Unbekümmertheit … deine Phantasie … deine Geschichten … und deine Lust am Leben!« Sein Gesicht erhellte sich, deshalb fuhr ich fort, »unser Leben war doch trotz allem recht Abwechslungsreich.« Er grinste wissend. »Nur – was du dich nicht getraut hast, musst du mir jetzt zu-trauen und mir mit der ursprünglichen Energie beiseite stehen!« Das Leuchten in seinen Augen signalisierte mir, dass er verstand.

Ich löste meine Hand und drehte mich zum Meer.

In trauter Zweisamkeit vereint, saß ich glücklich mit mir allein am Strand und strahlte mit dem glutroten Sonnenuntergang um die Wette.


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