Der unfertige Roman

Schreiben – Lesen – Reflektieren

Bild: Von mir fotografiert; © liegt bei den jeweiligen Rechteinhabern

Text veröffentlicht: 15.03.2018

Verlag: C. Bertelsmann
Seiten: 384
Preis: 22,00 EUR
ISBN: 978-3-570-10312-8

Wertung: 8 von 9

Verweise:
Christof Kessler
C. Bertelsmann

Leitwort: Antrieb

Christof Kessler – GLÜCKSGEFÜHLE

Nein, falsch geraten. Es ist kein weiteres Buch der Sparte Lebenshilfe, Psycho-Ratgeber oder spiritueller Sinnfindung, ebenso fehlt jegliches esoterisches Geschwafel. Der Untertitel “Wie Glück im Gehirn entsteht” liefert einen ersten Hinweis auf den Inhalt. Im “Kleingedruckten” konkretisieren sich mögliche Vermutungen, “und andere erstaunliche Erkenntnisse der Hirnforschung”.

“Glücksgefühle” ist ein Medizinlastiges Sachbuch, das aber für Nicht-Mediziner geschrieben ist. Die Bezeichnungen von Hirnregionen und ihre Bestandteile ziehen sich durch alle Seiten. Vieles wird anhand von Fotos oder Zeichnungen erklärt. Ob die zum Verständnis reichen, sollte jeder selber herausfinden. Ich zumindest konnte mir nicht merken, wofür und was das “Cingulum” ist oder wo es sich befindet. Lese ich derzeit irgendwo “Oxytocin” oder “Ghrelin”, meldet sich leise eine Erinnerung … was nicht bedeutet, ich könnte es verständlich erklären oder weiß in einem Jahr noch deren Bedeutung.

ABER, das ist auch alles gar nicht nötig. Viel wichtiger sind die ganzen Vorgänge und Zusammenhänge, sowie das Zusammenspiel und deren Abhängigkeiten. Und ja, man versteht alles ohne Doktortitel – leider, könnte ich wegen den ganzen “Oha”-Momenten anfügen, obwohl “zum Glück” viel passender ist.

Wie Christof Kessler da unser Gehirn seziert und vor uns ausbreitet, ist trotz der Fachausdrücke nicht nur leicht lesbar, sondern auch begreifbar. Immer wieder fasziniert, was für Details die Wissenschaft inzwischen zutage gefördert hat. Der Autor ist selbst Neurologe, beschränkt sich aber nicht auf die Wiedergabe eigener Erkenntnisse, sondern bezieht alle relevanten Studienergebnisse mit ein.

Was da an Resultaten langsam vor unseren Augen vorbeizieht, ist ernüchternd … erschreckend … Besorgnis erregend … irritierend. Aber auf der anderen Seite auch unglaublich erhellend … erstaunlich … motivierend. So komisch es klingen mag, es ist sogar regelrecht erfrischend, die Merkwürdigkeiten im Kopf von dieser sachlichen Seite zu betrachten. Der Inhalt hat nichts mit diesem aufgeblähten, eingebildeten Gefasel euphorisch bejubelter (Selbst-)Erfahrungen einschlägig bekannter Literatur, bei der sich nach kurzer Zeit jede Wirkung verflüchtigt, gemein. Ja, ich weiß wovon ich rede.

Doch bloß keine Angst, in diesem Buch findet sich haufenweise Nützliches. Sozusagen im Vorbeigehen vermittelt das Beschriebene seine Alltagstauglichkeit. Belohnung, Hunger, Sucht, Zucker … was passiert da wirklich in unserem Körper, vor allem im Gehirn? Und welche Rolle spielen diese Hormone? Nach und nach erschließt der Autor dem unwissenden Leser die Geheimnisse in seinem Kopf. Das ist nicht nur verdammt spannend, sondern in manchem Zusammenhang recht Besorgniserregend. Besonders das Thema Alkohol. Das offengelegte Wissen ist derart erschreckend, dass ich vielleicht eine Warnung aussprechen sollte: Am Ende lasst ihr die Finger davon oder ihr habt das Geschriebene nicht kapiert oder ihr seid euch selbst nicht wichtig genug.

Natürlich erfährt man nicht nur Negatives, denn das Thema lautet ja Glück. Klar, lässt man die aufgezeigten negative Einflüsse weg, entsteht automatisch etwas Positives. Doch damit alleine begnügt sich Kessler nicht. Immer wieder zeigt er auf, wie sich glückliche Umstände herbeiführen oder erhalten lassen. Ebenso wird erklärt, was sich wie auswirkt. Warum sind bestimmte Fette so wichtig und wo kommen sie vor. Jeder hat davon gehört, dass Omega Fettsäuren gesund sein sollen, doch warum kann niemand darlegen. Nun gut, obwohl ich es gelesen habe, könnte ich es jetzt auch nicht mehr. Aber aus dem allgemeinen “ist eben so”, weil es einem von allen Seiten so vorgekaut wird, ist jetzt ein “ich weiß es eben” geworden. Diese Gewissheit überfällt einen durchweg in vielfacher Hinsicht.

Glücksgefühle unterliegen keiner ominösen Zufälligkeit, sondern können willentlich produziert werden. Die Redewendung, “jeder ist seines Glückes Schmied”, bekommt eine neues Verständnis. Das ist zumindest mein Resümee.

Das Buch ist anders und verbietet sich ein oberflächliches Überfliegen. Der leichtfüßige Schreibstil von Christof Kessler motiviert zum Durchhalten. Hat man sich eingelesen, legt man das Buch wegen der ganzen Informationen nicht mehr beiseite. Es gewinnt zunehmend an Spannung und fesselt bis zum Schluss.

Macht es denn nun auch glücklicher? Also … zum Einen ist es kein Ratgeber und zum Anderen proklamiert der Autor nicht der Weisheit letzter Schluss zu sein. An keiner Stelle wird es “Oberlehrerhaft” oder schreibt vor, “nur wenn du es so machst, wirst du erfolgreich sein”.

Ehrlicherweise kann ich nur eine passende Antwort geben: Wer mit dem hier erlangten Wissen nicht nachhaltig etwas unternimmt, um seine Glücksgefühle nicht dem Zufall zu überlassen oder von anderen abhängig zu machen, sollte wenigstens mit lamentieren und jammern aufhören. Zufriedenheit erarbeitet und verdient man sich. Wirklich, so schwer ist das nicht.

Bei mir? Na, nun mal nicht so neugierig … aber okay, ich will mich mal nicht so zieren: Es wirkt – aber ich tue was dafür!


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