OR1 – Kapitel 1 (v1)

Bonn am ersten Wochenende im Juli 1987. Samstag Morgen um kurz nach 6 Uhr. Tags zuvor begann Nachmittags das alljährliche Rheinkultur-Festival, kurz Rheinaue genannt. Gefeiert wurde bis weit nach Mitternacht. Jetzt standen die Männer der Stadtreinigung bereit, die Spuren der letzten Nacht zu beseitigen.

Kolonnenführer war wie in den Jahren zuvor Fritz Marfeld. Die Arbeiten fanden zwar auf freiwilliger Basis statt, wurden aber gut bezahlt. So hatte Fritz nie Schwierigkeiten, Mitstreiter zu finden. Von den Arbeitswilligen suchte er sich immer die aus, mit denen er gut auskam und die, das war ihm Wichtig, sein Hobby respektierten.

Fritz fotografierte Müll. Nicht einfach plump jedwede Müllansammlung, um diese dann in irgendeiner Form der Öffentlichkeit unter die Nase zu reiben. Es sind die Details, die ihn interessierten. Wer sich seine Fotos ansah, vermutete Meist nicht, dass er sich gerade den Auszug eines Müllhaufens anschaute.

Mit seiner Leidenschaft hatte es Fritz Marfeld zu einer gewissen Bekanntheit gebracht und bisher zwei regionale Preise gewonnen, so wie eine bundesweite Auszeichnung erhalten. Berücksichtigt man, dass Fritz mittlerweile 56 Jahre alt ist und mehr als 35 Jahre bei der “Mülle” arbeitet, verwundert das kaum. Seine Leidenschaft war nicht von Beginn an mit am Start, doch gut 30 Jahre sind es inzwischen mit Sicherheit. In dieser Zeit ist Einiges an Material zusammen gekommen.

Vor rund 10 Jahren hat Fritz ein weiteres Lieblingsmotiv für sich entdeckt: “Schnapsleichen”. Menschen, die es des Nachts nicht mehr in ein Bett geschafft haben und scheinbar egal war, sich der Öffentlichkeit preiszugeben. Wobei Fritz immer wieder ausdrücklich betonte, dass Obdachlose nicht zu seinen Motiven gehören. In der Zeit sind schon einige amüsante Fotos entstanden. Allerdings nur zum Vergnügen von Fritz, seiner Frau, einigen guten Freunden und einem kleinen Kreis vertrauenswürdiger Arbeitskollegen.

Fritz war sich bewusst, dass er sich auf Glatteis bewegte. Natürlich hatte er Achtung vor der Privatsphäre der “Opfer”, obwohl er sich darüber hinweg setzte, in dem er sie fotografierte. Diese nicht zu veröffentlichen war sein Beitrag zum Schutz dieser Menschen. Zu dem hatte er Angst vor möglichen rechtlichen Verfolgungen und wollte diese im Keim ersticken.

Einmal hätte es schon schief gehen können. Wahrscheinlich durch das Klicken des Auslösers wachte eine “Schnapsdrossel” auf. Der überraschte, erschrockene, erstaunte und ängstliche Blick des jungen Mannes auf Grund der um ihn herum stehenden Gruppe orange gekleideter Männer, bescherte Fritz eines seiner besten Fotos. Der Gesichtsausdruck ist mit Worten nicht zu beschreiben und sorgt noch Heute für Gelächter bei den beteiligten Kollegen. Mit diesem Bild würde Fritz sicher einen Preis gewinnen, da war er sich sicher, doch es blieb in seinem Archiv.

Dieser Vorfall machte ihm immer wieder bewusst, auf welchen Drahtseilakt er sich einließ, wenn er den Auslöser drückte.

Glücklicherweise waren seine neun Kollegen heute alles Eingeweihte. Das heißt, sie wußten auch von Fritz’ “Schnapsleichen”-Leidenschaft. Wie jedes Jahr teilten sich die Männer in zwei Fünfer-Gruppen auf. Eine begann am südlichen Ende des Festival Geländes, die anderen kamen ihnen von Norden entgegen. Von Jahr zu Jahr dehnte sich die Größe des Geländes in dieser Richtung aus. Östlich und Westlich konnte es sich nicht verbreitern. Auf der einen Seite floss der Rhein, die andere Seite war durch einen hohen Wall begrenzt, der sich parallel entlang des Flusses zog.

Aufgefächert bewegten sich die beiden Gruppen aufeinander zu und sammelten den Müll ein. Fritz kam mit seinen Leuten von Norden und lief selbst auf der zweiten Position, vom Rheinufer aus gesehen. Der Abstand zwischen ihnen betrug ungefähr 10 m. Auf der gesamten Festival Fläche standen nur drei Bäume und ein paar mehr Sträucher und Büsche. Das Bild prägten die zwei Bühnen, das Festzelt und reihenweise Verkaufsbuden.

Sie waren wohl eine Viertelstunde unterwegs, als Fritz hörte, wie leise sein Name gerufen wurde. Er schaute zu Tim, der Rechts neben ihm sammelte. Der deutete mit dem Daumen nur stumm in Richtung Philip, eine Position weiter. Fritz schwenkte leicht den Blick, um zu sehen, dass der Kollege ihn mit dem rechten Arm zum Herkommen animierte und mit dem Linken auf den Boden zeigte. Philip stand vor einem der wenigen Büsche, so dass Fritz nicht sehen konnte, auf was er zeigte. Er ahnte es aber.

Seine Mülltüte und Sammelzange ließ Fritz an seiner jetzigen Position, um später dort weitermachen zu können. Beim Gehen schob er die Gürteltasche, in der sich seine Kamera befand, vom Rücken an die rechte Seite und holte diese hervor. Es war eine Canon AE1 und sein ganzer Stolz. Als er an der gezeigten Stelle eintraf, war Fritz bereit.

Tatsächlich lag dort ein junger Mann, der seinen Rausch auszuschlafen schien. Den Kopf recht weit unter dem Busch. In Gedanken fragte Fritz sich kurz, wieviele Männer sich hier wohl vorher erleichtert hatten. Schüttelte sich innerlich kurz ob der ekelhaften Vorstellung und konzentrierte sich, die richtige Position für das Bild zu finden. Geübt machte er schnell von leicht veränderten Blickwinkeln fünf Bilder, während seine vier Kollegen die Szenerie Richtung Straße hin, so weit wie es möglich war, abschotteten.

Auf dem Weg zu seiner Position verstaute er die Kamera wieder und dachte über den jungen Mann nach. Irgendwas gefiel ihm an dem Gesehenem nicht. Der Mann lag ganz Gerade dort. Seine Kleidung war nicht verrutscht, verdreht und verdreckt. Die Hände lagen übereinander auf dem Bauch und das Gesicht wirkte ganz entspannt. Es war sogar ein leichtes Lächeln auszumachen. Das passte alles nicht zu den Erfahrungen, die Fritz bisher gemacht hatte.

Gedankenverloren und leicht Abwesend sammelte er weiter Müll. Als die beiden Gruppen sich trafen, redeten sie kurz über die Entdeckung, denn die Kollegen sahen natürlich, dass da irgendwas war. Wie üblich drehten sie dann um und tauschten untereinander die Positionen. Von alleine überließen die Kollegen Fritz die Position von Philip und so starteten sie den zweiten Sammel-Törn.

Als die Truppe wieder auf Höhe des Busches eintraf, waren nahezu Eineinhalb Stunden vergangen. Fritz näherte sich vorsichtig und versuchte Geräusche zu vermeiden. Er wusste, dass seine Kollegen ihn beobachteten und wies sie mit Kopfbewegungen an, zu ihm zu kommen. Als alle hinter ihm standen, vermittelte er ihnen mit den Händen, dass sie sich wieder zusammenstellen sollten, um den Einblick vom Wall aus einzuschränken, obwohl zu dieser Zeit dort nicht viel Los war.

Langsam schob sich der Pulk um den Busch. Zuerst sahen sie die Füße und konnten sich daher sicher sein, dass der Mann dort noch lag. Als sie ganz herum waren, bedurfte es nicht Viel, um fest zu stellen, dass sich rein gar nichts verändert hatte.

Trotz der frühen Zeit war es warm genug, dass zwar Alle im orangenem Polo-Shirt arbeiteten, aber natürlich Arbeitshandschuhe trugen. Fritz zog sich den Linken aus und ging in die Hocke. Weil Tim wohl ahnte, was er vor hat, reichte er ihm über die Schulter ein Feuerzeug. Fritz entzündete es und bewegte seine Hand langsam Richtung Kinn des Mannes, wo er die Flamme in den vermuteten Luftstrom der Nase hielt.

Sekunden vergingen, doch die Flamme bewegte sich nicht. Fritz nahm den Daumen von der Gaszufuhr und gab es Tim zurück. Dabei sah er in vier ratlose und erschrockene Gesichter. Er wandte sich wieder dem am Boden Liegendem zu und führte den ausgestreckten Zeige- und Mittelfinger seiner linken Hand Richtung Hals. Vorsichtig berührte er die Stelle, wo die Halsschlagader verläuft. Mit einem leichten Druck wartete er. Nach einer gefühlten Unendlichkeit nahm er die Hand zurück, schaute zu seinen Kollegen auf und schüttelte den Kopf.

“Der ist tot”, sprach er trocken aus, weil ihm irgendwas den Hals zu schnürte. Seine Kollegen schluckten heftig und blickten ihn fragend an. Fritz zog sich wieder seinen linken Handschuh an und kniete sich nun neben den Mann. Da um dessen Kopf herum kein Blut auszumachen war, hob er seitlich ganz vorsichtig den Körper etwas an. Nur so weit, dass er ein wenig drunter schauen konnte. Der dunkle Fleck im weißem Hemd reichte ihm. Langsam legte er den Körper wieder ab.

Fritz richtete sich wieder auf und drängte seine Kollegen ein paar Schritte von dem Busch weg. “Kein Wort darüber, dass ich ihn fotografiert habe. Kann ich mich darauf verlassen?!” zischte er sie an. “Na klar!” kam es unisono zurück. “Gut. Tim, geh nach Oben zur Straße und halt das nächste Polizeiauto an. Sag nur, dass wir hier noch einen Übrig gebliebenen gefunden haben. Klar?” “Natürlich Fritz, mach ich.” “Also gut,” fuhr Fritz fort “der Rest sammelt ganz normal weiter. Wir müssen nur zu sehen, die Anderen vom Busch fern zu halten. Leuchtet euch das ein?” “Ja Fritz, wir sind doch nicht bescheuert” erwiderte Philip. “Dann ist ja gut” sprach Fritz und machte sich zu der Stelle auf, an der er seine Utensilien liegen gelassen hatte. Die anderen taten es ihm gleich.

Kurz bevor sie ihren Anfang erreichten, sahen sie, wie von der nördlichen Zufahrt ein Polizeiwagen in ihre Richtung fuhr. Er hielt genau auf Fritz zu, was zeigte, dass Tim mit im Auto sitzen musste. Es stoppte mit der Fahrerseite genau neben Fritz. Aus dem geöffneten Seitenfenster fragte ihn der Fahrer “sie sind hier der Verantwortliche?” “Ja” antwortete er. “Gut, dann lassen sie mal ihren Kollegen hinten raus und zeigen uns die Stelle.” Fritz öffnete die hintere Tür und Tim sah richtig erleichtert aus, dass er sich nun verpieseln konnte. Fritz stieg ein und zeigte auf den Busch. Als sie dort ankamen, stiegen die beiden Polizisten aus und öffneten auch für Fritz die Tür.

Dieser blieb aber am Auto stehen, während sich die Beamten zum Busch aufmachten, der noch einige Meter weit weg war. “Keine Spuren vernichten” dachte sich Fritz nur und wusste, dass er damit richtig lag. Es dauerte nicht Lange, bis einer der Beiden wieder zum Auto kam und eine ganze Menge in die Funkanlage sprach. Danach bat er Fritz zu seinen Kollegen zu gehen und dort zu warten.

Innerhalb weniger Minuten war es mit der morgendlichen Ruhe am Rheinufer vorbei. Der Strom an Sirenen schien nicht abreißen zu wollen. Das Areal füllte sich mit Einsatzfahrzeugen und einer unüberschaubaren Menge an Menschen. “Was für ein Durcheinander” dachte sich Fritz, obwohl ihm nicht sonderlich Wohl zu Mute war. Während die Kollegen der südlichen Gruppe Feierabend machen durften, wurden Fritz und seine Kollegen gebeten weiter zu warten. Worauf sagte man ihnen nicht.

Sie standen ganz am Rande des Geschehens, erblickten aber in ihrer Nähe einen VW-Bus der Polizei, wo ein junger Polizist emsig damit beschäftigt war, Kaffee auszuschenken. Fritz machte sich dorthin auf und seine Kollegen folgten ihm. “Scheint wohl länger zu dauern” fragte er den Beamten. “Ja” war die knappe Antwort. “Ist für uns auch ein Kaffee drin, wenn wir schon nicht nach Hause dürfen?” “Na klar, geht sofort los” kam es diesmal etwas freundlicher zurück. Mit ihren Kaffee Bechern zogen sich die Fünf wieder etwas zurück und warteten weiter.

Nach einer gefühlten Ewigkeit lösten sich zwei Männer aus dem Durcheinander und kam auf die Gruppe der Müllmänner zu. Seine Kollegen zogen sich hinter Fritz zurück, weswegen dieser von dem einen Mann angesprochen wurde. “Guten Morgen, mein Name ist Mark Stoffels von der hiesigen Kriminalpolizei und das ist mein Kollege Tobias Ahlmann vom BKA. Sie haben den Mann gefunden?” “Nein, wirklich zuerst entdeckt, hat ihn mein Kollege” womit Fritz auf Philip zeigte, “der mich aber gleich dazu rief, weil ich hier der Kolonnenführer bin.” “Haben sie irgendwas angefasst oder verändert?” wollte der Mann vom BKA wissen. “Nein, aber wir Fünf standen alle um den Besoffenen drum rum, weil wir so etwas zwar häufiger sehen, aber es doch jedes Mal anders ist” entgegnete Fritz. Der Mann von der Kripo schaute ihm in die Augen “Ob der Mann besoffen ist, können wir noch nicht sagen, nur dass er Tot und unter Fremdeinwirkung gestorben ist.” Auch wenn Fritz das nun schon wusste, merkte er, wie ihm die Farbe aus seinem Gesicht wich. “Ermordet?” fragte er sichtlich erschüttert und mit leiser Stimme. “Ja. Haben sie irgendwelche weitere Personen gesehen, während sie hier gearbeitet haben?” wollte Mark Stoffels wissen. Wahrheitsgemäß antwortete Fritz “Nein, außer uns hat sich hier niemand rumgetrieben.” “Na gut. Es wird gleich ein Kollege kommen, um ihre Personalien auf zu nehmen. Danach können sie nach Hause gehen. Wir werden uns melden, wenn wir noch Fragen haben. Schönes Wochenende noch.” Damit drehten sich die Beiden um und ließen fünf gestandene Männer verunsichert zurück. Fritz drehte sich zu seinen Männern, zuckte mit den Schultern “ihr habt ihn gehört ‘schönes Wochenende’. Der hat gut Reden, sieht schließlich mehr Leichen als wir, oder wird jemand von euch ein ‘schönes Wochenende’ haben?” Alle schüttelten den Kopf. Fritz überlegte derweil, ob er die Vorkommnisse seiner Frau erzählen soll und entscheid sich dafür. Sie würde es ihm anmerken, da war er sich sicher, also lieber gleich die Karten auf den Tisch legen.