OR1 – Kapitel 2 (v1)

Gedankenverloren schaute Mark Stoffels den beiden orangenen Fahrzeugen der Stadtreinigung nach. Aus einiger Entfernung hatte er die Männer beobachtet, als sie ihre Personalien bei einem Polizeibeamten hinterließen. Er wusste nicht warum, aber seine Bauchstimme bat zaghaft um Aufmerksamkeit.

In den vergangenen Jahren hatte Mark gelernt, nicht nur seine innere Stimme wahr zu nehmen, sondern dieser auch zu vertrauen. Immer häufiger stellte er fest, dass sein Bauchgefühl stets Richtig lag, während sein Kopf sich noch weigerte andere Sichtweisen anzunehmen.

»Was sollen die Müllmänner hiermit zu schaffen haben?«, dachte er und ärgerte sich umgehend, dass sein Kopf scheinbar schon beschlossen hatte, hier nicht weiter nach zu bohren. »Wir werden sehen«, antwortete er sich daher in Gedanken selber.

Immer noch grübelnd, gesellte er sich zu Tobias Ahlmann. Dieser stand in der Öffnung des weißen Zelts, welches in der Zwischenzeit über dem Leichnam aufgestellt worden war – inklusive dem Busch, unter dem dieser lag.

»Haben wir schon was?«, fragte er seinen Kollegen vom BKA. Der zuckte mit den Schultern. »Nicht wirklich. Wir wissen nur, dass alle Taschen leer sind und eine Kugel noch im Körper stecken muss.« »Und das der Projektil Eintritt rückwärtig erfolgte«, grummelte Rechtsmediziner Taschke halblaut vor sich hin. Dieser kniete neben der Leiche, die inzwischen auf den Bauch gedreht worden war. Mit diversen Utensilien machte er sich in und um der deutlich sichtbaren Wunde zu schaffen. Wobei, deutlich sichtbar war nur der dunkelrote Fleck in der Kleidung. Das Loch im Körper des Mannes konnten die beiden Männer von ihrer Position nicht erkennen.

„Wird dir schon wieder Schlecht?“, kam es leicht erheitert und ohne, dass er aufsah, vom Leichenfledderer. Mark fühlte sich ertappt. „So wie du da in der Wunde rum puhlst, ist das doch kein Wunder!“, entrüstete dieser sich. Tobias grinste. „Nun fang du nicht auch noch an“, zischte Mark seinen Kollegen an, drehte sich demonstrativ um und entfernte sich ein paar Schritte vom Zelt. Als die Zigarette brannte und er langsam den Rauch einzog, wich die aufkommende Übelkeit zurück. Nach drei weiteren Zügen sah er sich wieder gewappnet, die Herausforderung erneut anzugehen. Mark war mit Leib und Seele bei der Mordkommission, aber diese Ekelgefühle wurde er nicht los. All seine Hoffnung, im Laufe der Zeit abzuhärten, blieb Wunschdenken.

Inzwischen war es viertel vor Zehn am Vormittag. Die Sonne näherte sich dem Zenit und warf ihre geballte Kraft ungebremst zur Erde. Auf Thermometern konnte man zusehen, wie sich ihre Anzeigen der 30 Grad Linie näherten. Es zeichnete sich ab, dass dieser Tag heiß werden würde. Im Laufe der Woche hatte die Hitze täglich zugelegt und schien einen neuen Höhepunkt anzustreben.

Mark zog sein leichtes Sakko aus und schaute sich um. Der Tote wurde in einem Stahlsarg gerade in den Leichenwagen geschoben, um in die Rechtsmedizin überführt zu werden. Rainer Taschke packte seine Utensilien zusammen und würde in Kürze ebenfalls dorthin aufbrechen. Nur die Leute von der Spurensicherung waren noch dabei, jeden Grashalm umzudrehen.

„Herr Stoffels?“ Mark zuckte kurz zusammen und drehte sich in die Richtung, aus der die Frage kam. Innerlich schüttelte er den Tunnelblick ab, in den er unmerklich gerutscht war. Etwa zwei Schritte entfernt stand ein schlanker Mann in T-Shirt und kurzer Cargo-Hose, deren Taschen alle recht gut gefüllt ausschauten. Mitte Dreißig, schätze Mark. Auf Grund des quäkenden Walkie-Talkie in dessen rechter Hand entschied sich der Kripomann, erst mal neugierig zu sein. „Ja, der bin ich und sie?“ „Adam Koch, doch Ako reicht…“, „und was kann ich für dich tun?“, unterbrach ihn Mark und scheute sich nicht, gleich ins Du zu fallen. Insgeheim war er gespannt, wie sich sein Gegenüber verhalten würde. Natürlich achtete er darauf, als Autoritätsperson wahr genommen zu werden, aber dabei muss es ja nicht Steif und Förmlich zugehen. Bei Ermittlungen war es sogar zumeist hinderlich.

Im Gesicht von Ako konnte Mark ablesen, wie es in ihm kämpfte. Die ungezwungene Art gegen eine respektvolle Erziehung. Er sah aber auch, dass der Mann unter Druck stand. „Ich bin der Organisationsleiter des Festivals und mir sitzt eine Horde wütender und ungeduldiger Menschen im Nacken. Der Veranstalter, die Bands und natürlich die Besucher; wobei die sich noch mit dem Beobachten des Spektakels hier zufrieden geben.“ Bevor Adam weiterreden konnte, hob Mark die Hand und brachte ihn unmittelbar zum Schweigen. Es war nicht schwer voraus zu ahnen, welchen Zweck diese Unterhaltung erfüllen sollte und er wollte es schnell auf den Punkt und hinter sich bringen. Todesfälle in der Öffentlichkeit wirkten sich stets auch auf Unbeteiligte aus. In diesem Fall sammelten sich rund um das Gelände immer mehr Menschen. Der für die Absicherung zuständige Einsatzleiter war bereits emsig damit beschäftigt, die Maßnahmen zu verstärken.

„Wann ist offizieller Einlass und Beginn?“, wandte sich Mark an Ako. „Einlass jetzt gleich um Zehn; Konzerte dann ab Zwölf.“, erwiderte dieser ebenso knapp. „Okay. Warte hier kurz.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und suchte mit den Augen nach dem zunächst stehenden Kollegen von der SpuSi. In der Nähe des Zelts sah er einen und ging auf diesen zu. „Nein, du brauchst gar nicht erst fragen. Siehst du nicht, wie groß das Gelände ist?“, kam ihm dieser zuvor und hob abwehrend die Arme. „Und was meinst du, wie lange wir die Meute da draußen noch fern halten können?“, fragte Mark scheinheilig den Voreiligen und ärgerte sich innerlich über dessen Wichtigtuerei. Der Angesprochene schaute sich um und machte den Eindruck, als ob er die Umgebung erst jetzt registriert; zumindest ließ sein Gesichtsausdruck dieses vermuten. „Oh!“, kam es dann auch nur erstaunt aus seinem Mund. Er griff zu seinem Funkgerät, „Chef, wie lange brauchen wir noch?“ „Bis wir Fertig sind.“, krächzte die zu erwartende Standardantwort aus dem Lautsprecher. Mark nahm dem Kollegen die Funke aus der Hand und säuselte, „dann ziehe ich gleich die Absperrungen ab, wenn du mir so kommst, Martin.“, hinein. „Mark? Lass den Quatsch! Du siehst doch mit was wir es hier zu tun haben!“, drang es maulig und vorwurfsvoll aus dem Lautsprecher. „Ja, wo letzte Nacht tausende Festival Besucher jegliche Spuren vernichtet haben!“ Mark wurde ungeduldiger und dachte bei sich, ‚immer das Gleiche mit diesen Kleinkrämern‘. „Schon gut, gib uns noch eine halbe Stunde, okay?“, kam es jetzt versöhnlich von der Gegenseite. „Gut, zu um Elf gebe ich das Gelände frei.“, schloss Mark das Gespräch ab und gab dem Kollegen das Gerät zurück.

Daraufhin begab er sich wieder zum wartenden Ako. „Ab Elf dürft ihr Los legen“, informierte er diesen. „Puh, eine Stunde Verspätung“, entfleuchte es diesem schwermütig, halb in Gedanken sich die Folgen ausmalend, setzte er den Satz aber umgehend fort, jetzt wieder klar an Mark gewandt, „aber das kriege ich hin. Immerhin können wir Pünktlich mit den Konzerten starten. Bekomme ich von irgendwem ein Zeichen?“ Mark sah sich um. Als er den Verantwortlichen für die Absperrungen entdeckte, zeigte er mit den Finger auf ihn. Akos Blick folgte ihm. „Dort, an den Kollegen mit dem kurzärmligen Hemd, grauen Bürstenhaarschnitt und Brille wendest du dich.“, unterwies er ihn. „Danke.“, sprach der Organisationsleiter und enteilte in die gezeigte Richtung. Mark wartete, bis er dort angekommen war und sich mit dem Kollegen unterhielt. Kurz darauf sah er den fragenden Blick des Kollegen und nickte ihm entgegen. ‚Hoffentlich hat Ako ihm keine anderen Zeiten genannt.‘ Mit diesem Gedanken steuerte er Tobias Ahlmann an. Es wurde Zeit an die Arbeit zu gehen.