Sonnenuntergang

Überraschende Begegnung

Laut fluchend schlug ich mich durch das dichte Unterholz. Gezeichnet von zum Teil leicht blutenden Kratzern, war meine Freude auf diese einsame Bucht schon vor Minuten verflogen. Im entscheidenden Moment trug der Wind mir leise das Plätschern sanfter Meereswogen hinüber. So blieb ich auf Kurs und konnte das Meer inzwischen deutlich hören. Die salzige Seeluft stieg mir in die Nase, aber vor mir sah ich nur eine schier undurchdringliche grüne Wand. Wo sollte hier ein Pfad zum Strand sein?

Der nächste Schritt lieferte mir prompt die Antwort, denn er endete nicht auf festem Grund. Von diesem Luftloch überrascht, erledigte die Schwerkraft den Rest. Das Dickicht riss weitere Wunden auf, bevor ich auf einer sandigen Schräge landete und der Fall ins Trudeln überging. Natürlich endete dies auf dem Bauch, mit dem Gesicht im Sand. Ohne einen Blick zurück rappelte ich mich hoch und ging Richtung Wasser. Ich war tatsächlich Alleine, so zog ich meine Klamotten aus. Auch wenn ich ahnte, was auf mich zukommen würde, stürzte ich mich in die Fluten. Als meine Füße Grund fanden, richtete ich mich auf und präsentierte der Natur meine Stimmgewalt.

Anschließend im warmen Sand sitzend, trocknete mich die Sonne und wohlige Wärme kroch durch meine Poren. Die Ruhe und sich nur mäßig bewegende See legten meine Seele sanft in eine Hängematte. Gedanken ließen die Beine baumeln oder zogen sich gleich ganz zurück. In meinem Kopf breitete sich die friedliche Stimmung meiner Umgebung aus.

„Ganz schön Himmlisch hier.“ Ich schreckte aus meiner Verlorenheit auf, das Herz schlug bis zum Hals. Wütend, dass ich Jemanden übersehen und sein Kommen nicht bemerkt hatte, drehte ich mich in die Richtung der Stimme. Nur um gleich noch einen Sitz-Hüpfer zu machen und beinahe umgekippt wäre.

„Das kann nicht sein“, entwich es mir Leise. Keck grinsend kam die Frage zurück, „Sicher?“ Sein Gesicht zeigte eine offenherzige Ehrlichkeit und Unbekümmertheit, die entwaffnend war. So Jung – und diese langen Haare, ich staunte nicht schlecht. „Wir sollten mal Reden – und mach endlich den Mund wieder zu“, kam es Frech von meinem Gegenüber.

Erneut ergriff er das Wort. „Du hast zu unserer Musik zurück gefunden und die Haare ähneln sich, doch was ist dazwischen passiert?!“ Wenige Worte, mit leicht vorwurfsvollem Ton, die schwer wiegten.

Langsam gab der zähe Brei im Kopf meine Stimme wieder frei. „Das weißt du doch; warst all die Jahre dabei. Hast du weggesehen, als sich unser Leben in Luft auflöste, wie ein Traum nach dem anderen davon flog? Jedes Ziel trieben wir wie einen gejagten Gaul vor uns her. Wir haben uns durchgemogelt und nicht bedacht, dass damit Andere unseren Weg bestimmten. Du hast dich verkrochen und bist mitschuldig.“ So, das musste mal raus.

„Ich?! Wieso ich? Ich bin ein Kind!“ Voller Trotz zog er die Beine an sich und umschloss die Knie mit den Armen. Feuchtigkeit sammelte sich in seinen Augen. Stille. Nur das seichte Plätschern des Meeres und einige Vogelgesänge schwebten durch die Lüfte. Wir schauten uns in die Augen. Ich spürte die Intensität unserer Verbundenheit und diese Sehnsucht, die jeden von uns zu zerreißen drohte. Aber da war noch etwas, stärker und mächtiger, als je eine Unsäglichkeit zerstören könnte: Liebe!

Scheinbar empfand er die gleichen Gefühle, denn aus unseren Augen lösten sich Tränen. Doch sie waren keine Boten der Traurigkeit oder Niederlage, sondern des Glücks und der Zuversicht.

Ich streckte ihm meine Hand entgegen, die er nach kurzem Zögern mit fragendem Blick ergriff. Wir genossen den Augenblick der Einigkeit, bevor ich meine Worte wiederfand. „Wir wissen nicht, wie viel Zeit uns bleibt, können aber die Zukunft noch leuchten lassen.“ Neugierig sah er mich an. „Wie? Ich bin das verkorkste Gestern und du das Jetzt. Was könnte ich beitragen?“ Uns Beiden Mut machend erwiderte ich, „ich brauche dich! Deine Unbekümmertheit, deine Phantasie, deine Geschichten und deine Lust am Leben!“ Sein Gesicht erhellte sich, deshalb fuhr ich fort, „unser Leben war doch Abwechslungsreich.“ Er grinste. „Was du dich nicht getraut hast, musst du mir jetzt zu-trauen!“ Das Leuchten in seinen Augen signalisierte mir, dass er verstand.

Ich löste meine Hand und drehte mich in Richtung Meer.

In trauter Zweisamkeit vereint, saß ich mit mir allein am Strand und genoß den glutroten Sonnenuntergang.

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Artikelbild: Sunset Beach – 069 © bei Kyle Taylor / flickr.com / Lizenz: CC BY 2.0 / Bearbeitet: Abmessungen für Webseite proportional angepasst; keine inhaltliche Veränderungen

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