retro_lotto_by_cpradi

Von der Realität überholt

Oh nein, nicht schon wieder und nicht Jetzt! Bitte, bitte verzieh dich wieder. Warum überfällst du mich gerade jetzt? Wie konntest du dich unbemerkt einschleichen? Was hat dich veranlasst mich gerade jetzt heimzusuchen? Du bist zwar schön und zu anderen Zeiten beschäftige ich mich ja auch gerne mit dir, aber heute hast du dir einen wirklich ungünstigen Zeitpunkt ausgesucht. Kannst du dich genauso schnell vom Acker machen, wie du herein geschneit bist?

Okay, Stop! Ich spule zurück und finde heraus, warum du mich behelligst. An was habe ich vor deinem Erscheinen gedacht? Ach ja, an diesen Ferneh-Krimi, dessen Logik ich nicht begriffen habe. Morde und Motiv ergaben für mich keinen Zusammenhang und ich habe darüber sinniert, ob ich was übersehen, nicht verstanden habe. Und dann springst du mich an. Das ist genau so Zusammenhangslos.

Zumal die Gedankenspiele, was ich mit so und so viel Millionen Euros bei einem Lotto Gewinn anstellen würde, immer nahezu identisch sind. Ja sicher, es macht Spaß, aber gerade Heute brauche ich meinen Schlaf.

Puh, scheinbar habe ich Glück gehabt und das Wach werden, kurz bevor der Wecker klingelt, zeigt, dass ich wohl doch genug Schlaf bekommen habe. Also Frisch den Montag in Angriff genommen. Nachmittags neugierig die Webseite vom Lotto inspiziert und mich für den Glücklichen gefreut, der knapp 43 Millionen Euros eingesackt hat.

So plätschert die Woche ohne Besonderheiten dahin. Doch auch wenn der Blick derzeit unerfreulich ist, am Donnerstag Nachmittag muss ich mal ein Auge auf meine Kontobewegungen werfen. Also schnell Online eingeloggt und – vor Schreck samt Bürostuhl nach Hinten gerollt, das überstehende Papierfach des Druckers gespalten und den Herzschlag trotz 180er Puls nicht gespürt.

Wie in Stein gemeißelt starre ich auf meinen Kontostand und realisiere erst wieder eine Bewegung in mir, als ich nach 10 Minuten automatisch beim Online-Banking ausgeloggt werde. Hier stimmt was nicht. Hier stimmt etwas ganz und gar nicht! Knapp 43 Millionen im Plus rauben mir nicht nur den Atem, sondern auch den Verstand. Meine Atmung galoppiert und reicht doch nicht. Mein Kopf droht zu explodieren, obwohl er gänzlich Leer scheint.

Irrtum! Das Alles ist ein kompletter Irrtum! Oder nein, ich schlafe noch und wache bestimmt gleich auf. Hallo, ich muss aufwachen. Verdammt, ich bin Wach. Aber es kann trotzdem nicht angehen; nein, ganz und gar nicht angehen. Dazu hätte ich nach Hamburg zur Zentrale fahren müssen, aber daran kann ich mich nicht erinnern. Nein, dazu hätte ich erst mal einen Schein abgeben müssen und das habe ich nicht. Ich wollte, aber mein Schein war veraltet, weil es neue Ausführungen gab und meine Version nicht mehr angenommen wurde.

Vor lauter Verzweiflung kommt keine Freude auf. Es darf einfach nicht Wahr sein, weil es nicht Wahr sein kann! Vor meinen Augen läuft gerade ein falscher Film; irgend Etwas ist hier gerade mächtig Schief gelaufen.

Die durchs Fenster blitzende Sonne zeigt mir, dass der Freitag angebrochen ist und ich hier seit einigen Stunden Regungslos sitze. Jetzt überfällt mich der Aktionismus. Schnell mit der HVV App die Verbindungen zur Lotto Zentrale gecheckt und die Fahrkarte gebucht. Angezogen bin ich ja noch, also nur schnell Wasser ins Gesicht und Zähne geputzt. Für den Weg ein paar Zigaretten gestopft, ab in die Schuhe und auf zur Bushaltestelle vor der Haustür.

Eine gute Stunde später stehe ich verlegen am Empfang der Lotto Zentrale. Meine Verzweiflung und Unsicherheit kann ich nicht verbergen, doch die Dame hinterm Schreibtisch fängt mich mit ihrer Ruhe und einem freundlichem Lächeln auf. Außer meinen Namen und Kontoverbindung kann ich ihr keine Informationen geben. Nachdem sie diese Informationen eingegeben hat, strahlt sie noch breiter, als zuvor. Überschwänglich gratuliert sie mir zu meinem Gewinn und fragt mich, ob denn irgendetwas nicht stimme.

„Können sie mir sagen, wann ich dann zuletzt hier war?“ höre ich mich sagen. „Ja, am Dienstag um kurz nach halb Zwölf“ antwortete sie mir. Hilflos spiele ich auf meinem Smartphone rum und zeige ihr in der HVV App die Historie meiner Fahrkarten Käufe „…aber ich habe am Dienstag keine Fahrkarte in meinem System“ erwidere ich. „Vielleicht haben sie diese ja auf altmodische Weise erworben“ warf sie ein. Deutlich merkte ich diesen Stich in der Brust und griff in meine Gesäßtasche, um mein Portemonnaie heraus zu holen. Im vorderen Fach entdeckte ich zu meinem Erstaunen eine Tageskarte – mit Datum vom Dienstag!

Trotz Kurzatmigkeit hatte ich das Gefühl, dass mir die Luft ausging. Mir wurde Schwindlig und ich nahm nur noch schwach eine Bewegung in meinem Blickfeld wahr, als ich langsam vom Stuhl rutschte.

Ich hatte keine Vorstellung, wie Lange ich weggetreten war, blickte beim Öffnen meiner Augen in drei besorgte Gesichter. Der Dame waren noch zwei Männer zu Hilfe gekommen, wobei einer von ihnen wie ein Sanitäter gekleidet war.

„Also bin ich tatsächlich Millionär?“ fragte ich eigentlich nur noch, um mich in eine irgendwie geartete neue Realität zu holen. „Ja“, war ihre knappe Antwort. Damit stand ich auf und trat meine Heimreise an.

Am nächsten Morgen entschied ich mich, zum nächstgelegenen Technik-Markt zu fahren. Ich suchte mir ein neues Smartphone aus und orderte einen neuen Flatscreen Fernseher. Ohne Komplikationen wurde an der Kasse die Bezahlung mit meiner EC-Karte abgesegnet. Ich war verdattert, akzeptierte aber langsam, dass es wohl tatsächlich Wahr ist, was ich mir in meinen nächtlichen Gedanken nur kühn ausgemalt hatte.

Noch am selben Nachmittag wurde der neue TV geliefert und in Betrieb genommen. Wagemutig hatte ich am Vormittag nach dem Einkauf noch 1.000 Euro am Automaten gezogen und tatsächlich im Auswurfschacht erhalten. Ich gab den Auslieferern je 50 Euro und empfand über den dankbaren Ausdruck in ihren Augen tiefe Befriedigung. Ich konnte die Wahrheit nicht mehr länger ignorieren.

Aber dass sich diese Mücke auf mein Gesicht setzt, war ihr Fehler – Klatsch! Getroffen? Nein, andere Seite – Klatsch! Halt, wer ohrfeigt mich hier?!? Meine Hände sind es nicht – Klatsch! Ey, lass das – Klatsch! Ist ja gut, ich spüre es – Klatsch! Verdammt, nun ist gut!!! Ich reiße meine Lider hoch und blicke in die sorgenvollen Augen meines Kumpels, der gerade zur nächsten Ohrfeige ausholt.

„Was soll das!“ höre ich mich denken, habe aber das Gefühl, dass aus meinem Mund nur unverständliches Gebrabbel quillt. „Er ist wieder da!“ höre ich neben mir einen Ausruf. Verwundert über die Anstrengung, drehe ich meinen Kopf leicht nach Rechts und erblicke auch meinen anderen Kumpel, der mit besorgtem Gesichtsausdruck auf mich starrt. Im nächsten Moment wird es Dunkel vor meinen Augen und fürchterlich Kalt und Nass auf meinem Gesicht. Erst ein lautes und tiefes Einatmen, bei dem ich mich fast auf Grund der auf meinem Mund liegenden Einschränkung verschluckt hätte, befreit mich von dieser Unannehmlichkeit.

Ich versuche mich auf meine Ellbogen zu stützen und stöhne schmerzvoll auf. Instinktiv fasse ich mit der rechten Hand an meinen Hinterkopf, wo ich einen zentralen Schmerz ausmache. Die schmerzende Stelle entpuppt sich als mächtige Beule, an deren einer Seite ich Verkrustetes ertaste, bei dessen Berührung ich merklich zusammenzucke.

„Was ist passiert?“ Habe ich das nun gedacht, oder laut ausgesprochen? Kann ich überhaupt sprechen? „Keine Ahnung, aber du hast dir mächtig die Birne gestoßen und warst wohl Bewusstlos.“ Die Antwort meines Kumpels beruhigte mich in soweit, dass ich scheinbar meiner Sprache mächtig war. Oje, mir brummte der Schädel und fühlte sich an, als ob er gleich in tausend Teile zerbersten würde.

„Was macht ihr hier?“ fragte ich. „Wir waren verabredet und du standest nicht wie sonst üblich an der Straße und gingst auch nicht ans Handy.“ Kurze Pause. „Und als du auch nicht aufs Türklingeln reagiert hast, habe ich Tim angerufen, weil der ja einen Schlüssel für deine Wohnung hat und so haben wir dich hier liegend gefunden – wir wollten gerade 112 anrufen, als du erste Reaktionen gezeigt hast.“

„Scheiße, was ist bloß vorgefallen? Leute, ich habe Kopfschmerzen, das könnt ihr euch nicht vorstellen!“ Jede Bewegung ließ es in meinem Kopf zucken, als ob mir Stromschläge durch den Körper gejagt würden. Tiefes Luft holen half nur wenig dagegen. Ich realisierte, dass ich in meinem Flur lag und wenn ich es halbwegs richtig deutete, genau neben meiner metallenen Werkzeugkiste. Ich ahnte den Grund für die Beule an meinem Kopf und die wohl daraus resultierende Bewusstlosigkeit; nicht aber das Warum.

„Könnt ihr mir mal auf die Beine helfen?“ „Bist du sicher, dass dich das nicht gleich wieder um haut?“ „Keine Ahnung, ist schließlich meine erste Bewusstlosigkeit. Wir werde es ja gleich sehen.“ Mehr getragen, als aus eigener Kraft, kam ich langsam wieder in die Senkrechte. Ich merkte einen leichten Schwindel, doch beim festen Auftreten zuckte ein kolossaler Schmerz durch mein rechtes Bein, ergriff den gesamten Körper und ließ es umgehend Nacht vor meinen Augen werden. Zum Glück hatten mich meine beiden Kumpels fest im Griff. Gefühlsmäßig war ich Sekunden später wieder bei Sinnen und stöhnte hörbar meinen Schmerz aus meiner Brust heraus.

Während ich meinen rechten Fuß entlastete, sagte ich nur „irgendwas ist mit meinem kleinen Zeh nicht in Ordnung – ganz und gar nicht in Ordnung!“ – „Könnt ihr mich ins Wohnzimmer aufs Sofa bringen?“ Kräftig abstützend humpelte ich in Richtung Sofa und ließ mich schwerfällig darauf nieder.

Als ich meinen alten Röhren-Fernseher erblickte durchzog mich ein Gefühl der Erleichterung, gleichzeitig aber auch eine tiefe Enttäuschung. „Welchen Tag haben wir?“ wollte ich von meinen Kumpels wissen. „Samstag; du wolltest mir heute beim Basteln helfen“ erwiderte Sören, der mir auch die Watschen verpasst hatte. „Samstag?! Oje, meine letzte Erinnerung stammt von Montag!“ „Wir sollten dich ins Krankenhaus bringen“ warf Tim ein. „Nein, wenn der Schädel nicht so weh tun würde, hätte ich wohl nur mächtig Hunger und Durst.“

Mittags hauten die Beiden dann ab, nachdem ich in den letzten Stunden bewiesen hatte, dass ich zwar von fürchterlichen Schmerzen geplagt wurde, aber ansonsten Herr meiner Sinne war.

Das Alles war also nur ein Traum. Ich war mir nicht sicher, ob ich mich darüber freuen sollte, oder doch lieber im Tal der Tränen versinken wollte. Es war doch so Real. Ich konnte mich an jede Einzelheit erinnern und wie sich Alles angefühlt hat.

Egal, vom Traum zur Realität, die sich als komatöse Wahnvorstellung entpuppt. Ein Traum im Traum? Vorsichtig bewegte ich die Zehen am rechten Fuß – der umgehend einsetzende Schmerz zeigte mir, dass ich wieder in meinem Leben angekommen war. Ich war mir Sicher, dass mit dem Erlebten keine Achterbahnfahrt mithalten kann, auch wenn mir der Vergleich fehlte, da ich diese Monster nicht besteige.

Die nächsten Tage verbrachte ich weitestgehend auf dem Sofa oder im Bett. Bewegung versuchte ich auf ein unbedingt notwendiges Mindestmaß einzuschränken. Zwischendurch telefonierte ich mit meinen Freunden, bedankte mich nochmals und versicherte, dass es mir soweit Gut ginge.

Schmerztabletten verscheuchten irgendwann das Klopfen im Kopf und wegen meinem Zeh war ich mir noch unschlüssig, ob nicht Röntgen lassen Sinnvoll wäre. Wobei mir natürlich klar war, dass eine Verzögerung sich Nachteilig für mich auswirken könnte. Aber der halbstündige Fußweg zum Arzt schreckte mich noch ab.

Nach vier Tagen, am Mittwoch, traute ich mich wieder an den PC. Mutig steuerte ich die Webseite von Lotto an und suchte mir die verhängnisvolle Verlosung raus. Irgendwie erleichtert stellte ich fest, dass an diesem Tag Niemand die besagten Millionen abgeräumt hatte. Was für ein Traum. Allerdings hatte Jemand eine Woche später den inzwischen angewachsenen Jackpot geknackt – 51 Millionen. Wow, ein anerkennendes Pfeifen entwich mir..

Hatte ich nicht am Montag vor meinem Unglück meinen Schein abgegeben? Unter Schmerzen humpelte ich durch die Wohnung und suchte nach dem Originalschein. Endlich fand ich ihn noch in der Innentasche meiner Jacke steckend. Und tatsächlich steckte in der Hülle auch eine Quittung über die Abgabe.

Mit einem bis zum Hals klopfendem Herz schleppte ich mich wieder vor den PC. Anhand der Zahlen fiel mein Fokus gleich auf meinen dritten Tipp: Richtig – Stimmt – Stimmt auch – auch Richtig – mein Herz droht mir den Brustkorb zu sprengen – oje, stimmt auch – Fünf von Fünf, jetzt nur noch die zwei Eurozahlen – Treffer…

…mir wird Schwarz vor Augen und ich merke noch, wie ich vom Stuhl rutsche – Nein, nicht schon wieder!

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Artikelbild: Computer Lotto © bei cpradi / flickr.com / Lizenz: CC BY 2.0 / Bearbeitet: Abmessungen für Webseite proportional angepasst; keine inhaltliche Veränderungen

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