Zurechtgestutzte Knechtschaft

Warum benehmen sich AutorInnen anständig und Verlage nicht?

AutorInnen wollen nur eins: Schreiben! Nun gut, nicht ganz, sie wollen auch gelesen werden. Dem steht allerdings eine handfeste Hürde im Wege: Vervielfältigung. Kaum verwunderlich ist daher, dass Jemand erkannte, wie sich diese unliebsamen Aufgaben in klingende Münzen umwandeln ließe.

Warum die ersten Autoren die niedrige Beteiligung für ihr Schaffen akzeptierten, lag wahrscheinlich an einem Trick, der auch Heute noch als Speerspitze ins Feld geführt wird: Vorschusszahlungen. Damit wird den Autoren ein schlechtes Gewissen impliziert, »Ich gebe dir vorweg, obwohl ich nicht weiß, ob ich es zurück bekomme«. Aus psychologischer Sicht ein Totschlag-Argument, welches noch immer funktioniert.

Seitdem dieses »Internet« aufgetaucht ist, sind die Verlage am Rudern. Die vormals mühselige Vervielfältigung kann der Autor mit wenigen Klicks von zu Hause selbst erledigen. Auch die Promotion ist gemütlich auf dem Sofa zu bewerkstelligen. Warum sich also zum Honk machen und den Verlagen niederwertig in den Arsch kriechen? Warum um 4-5% Tantiemen betteln, wenn 70% ohne Füße lecken drin sind?

»Qualität«! Der neue Schlachtruf der Verlagsbranche. Was sich glorreich anhört, belegt nur deren Verständnis davon, einen Gottähnlichen Status einzunehmen. »Wir« entscheiden, was auf den Markt kommt und dann ist das natürlich Qualität! Deswegen werden wohl auch am laufenden Band sogenannte Imprints gegründet. Ausgewiesen als spezialisierte Sparten Verlage. In Wahrheit dazu da, um das Verlagswesen weiter zu verwässern. Hauptsächlich aber, um mit möglichen »Schund« nicht das Haupthaus zu beschädigen.

Seit 2012 waren Verlage gewarnt, dass bei der Verteilung der Gelder Änderungen zu ihren Lasten eintreffen könnten. Ihrem Selbstverständnis entsprechend wurde diese Möglichkeit ausgeschlossen. Weshalb deren Geschrei jetzt umso größer ist, wo der nicht ernsthaft angenommene Fall Realität geworden ist. Mutwillig ins offene Messer gelaufen – selber Schuld! Doch natürlich sollen »Andere« dafür büßen. Die »bösen« AutorInnen zum Beispiel, die nicht verstehen, welch aufopferungsvolle Tätigkeiten die Verlage für sie erbringen. Die sich jetzt als Undankbar erweisen, obwohl doch die Verlage für ihre Bekanntheit gesorgt haben.

Also gut, fangen wir von Vorne an – auch wenn es bei deren Begriffsstutzigkeit wahrscheinlich vergebliche Mühen sind.

Niemand denkt sich Geschichten aus und wenn doch, sollen diese keinem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. Als Resultat gäbe es keine Verlage. Deswegen werden diese kreativen Köpfe, die sich unbedingt mitteilen wollen, auch Urheber genannt. Sie sind die Ursache, der Ursprung – die Quelle, die Basis.

Stellen wir uns mal vor, Jeder würde in den eigenen vier Wänden sämtliche Reparaturen, Renovierungen und Installationen konsequent selber durchführen. Alle Handwerksbetriebe könnten ihren Betrieb einstellen.

Obwohl Verlage auch nur eine handwerkliche Dienstleistung anbieten, existiert ein gewaltiger Unterschied. Der Handwerker erfüllt einen Bedarf, stellt seine Rechnung, wird bezahlt und der Vorgang ist abgeschlossen. Erhebt er Nutzungsgebühren für die nächsten Jahre? Was für ein grotesker Gedanke! Verlage gründen ihre Geschäftsgebaren aber eben auf diesen Irrsinn. Einmal eine Dienstleistung erbringen und (nahezu) ein Leben lang dafür kassieren.

Es ist müßig darüber zu philosophieren, ob die »ersten« Verlagsautoren Fehler begangen haben. Damals herrschten andere Verhältnisse. Vielleicht haben sie sich auch nicht so billig abspeisen lassen müssen, wie sich das im Laufe der Jahrzehnte dann entwickelte. Geschickt haben Verlage ihre Position ausgebaut und für die Akzeptanz einer verkehrten Welt gesorgt. Sie haben sich zum Mittelpunkt des Literaturgeschehens erhoben und halten sich für unverzichtbar. Diese Haltung zeugt nicht nur von Borniertheit und Ignoranz, sondern hauptsächlich von Respektlosigkeit den Urhebern gegenüber.

Während die Verlage sich ein Sprachrohr, den Börsenverein, zulegten, der lautstark und vehement die Vormachtstellung ausbaute, organisieren sich AutorInnen zwar auch, dienen diese Vereinigung in erster Linie des Austausches. Die »Kämpfe« in der realen Welt waren nie, und sind es bis Heute nicht, ihr »Ding«. Dass sich nun Einer erhoben hat und für sie einen herausragenden Sieg errungen hat, wird stillschweigend anerkannt. Den Alarm um die verlorene Macht schlagen die, die sich lieber bedeckt halten sollten.

Stattdessen spulen sie das gesamte Programm an Schreckensszenarien ab, um jede Tränendrüse zu erwischen. Und lenken damit geschickt von den Tatsachen ab. Apropos Tatsachen, jegliche Transparenz wird geflissentlich unter den Teppich gekehrt. Bei über 5 Milliarden Umsatz 2015 sollen die Verlage für den gesamten Zeitraum seit 2012 zusammen 100 Millionen Euro an die VG Wort zurückzahlen. Demnach 25 Millionen Euro pro Jahr von 5 Milliarden.

0,5%!

Tränenüberströmt und mit Dackelblick hat der Börsenverein umgehend bei Kulturstaatsministerin Monika Grüters an die Tür geklopft und stieß erwartungsgemäß auf ein weiches Herz. Ein Hilfsfond soll installiert werden, weil bis zu 25% der Verlage von der Schließung bedroht sind. Oje, was für ein Schlag, die Kultur in Deutschland ist ernsthaft bedroht!

Liebe Leute, hier läuft einiges völlig aus dem Ruder. Wieder soll der Steuerzahler einspringen, weil überhebliche Geschäftemacher nur ihre eigene Gier im Sinn hatten. Ganz zu schweigen davon, dass sie damit die AutorInnen zu unbedeutenden Randerscheinungen degradieren. Eine Last, die man Wohl oder Übel mit durchfüttern muss. Gehtʼs noch!

Wirklich schlimm wird diese Posse aber dadurch, dass die Menschlichkeit mit Füßen getreten wird. Selbstherrlich stilisiert sich die Verlagsbranche zum unverzichtbaren Gut. Klar, seitdem ihnen das Internet zeigt, wie unnötig sie sind, ziehen sie alle Register, um an der Oberfläche zu schwimmen. Rücksichtslos drücken sie AutorInnen unter Wasser, um auf deren Rücken an Luft zu kommen. Was für egozentrische Arschlöcher! Sorry, das musste raus.

Wegen läppischen 0,5% drehen die Verlage am großen Rad. Andererseits bedeutet dies, dass sie den AutorInnen nicht mal Butter fürs Brot gönnen!

Verlagsarbeit ist ebenso kalkulierbar wie Handwerksarbeit. Eine Reform ist bitter nötig. Lasst über die Klinge springen, wer nicht endlich anfängt AutorInnen respektvoll zu behandeln und anerkennt, dass eben diese der Ursprung für die eigene Existenz sind!

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Um Transparenz und eine sachliche Diskussion bemüht sich Wolfgang Michal

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Artikelbild: something meat von mornalll auf flickr.com / Lizenz: CC BY 2.0

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